Studie
Digitale Souveränität gewinnt an Fahrt: Deutsche Unternehmen öffnen sich europäischer Software
Big Tech verliert seinen Alleinanspruch: Deutsche Unternehmen setzen verstärkt auf europäische Software
Die Dominanz US-amerikanischer Technologiekonzerne wird erstmals ernsthaft infrage gestellt. Nur noch 4,6 Prozent der deutschen IT-Entscheider schließen den Einsatz europäischer Software grundsätzlich aus. Doch zwischen politischem Wunsch nach digitaler Souveränität und einer tatsächlichen Abkehr von Big Tech liegt weiterhin ein schwieriger Migrationsprozess.
Fast zwei von fünf Unternehmen führen europäische Lösungen ein
Europäische Software entwickelt sich in deutschen Unternehmen zunehmend von einer strategischen Option zu einer konkreten Alternative. Nach der Studie „State of Digital Sovereignty 2026: Uncharted Waters “ des Münchner Cybersicherheitsanbieters Myra Security befinden sich derzeit 39,7 Prozent der befragten Unternehmen in der Einführung europäischer Softwarelösungen.
Damit setzen bereits fast zwei von fünf Unternehmen entsprechende Projekte um. Im Vorjahr lag der Anteil noch bei 20,4 Prozent.
Noch deutlicher fällt die Entwicklung bei den Unternehmen aus, die einen Wechsel grundsätzlich ausschließen. Während 2025 noch 47,7 Prozent der IT-Entscheider angaben, keine europäische Software einführen zu wollen, sind es 2026 nur noch 4,6 Prozent. Das entspricht einem Rückgang von mehr als 90 Prozent.
Die Ergebnisse zeigen damit weniger eine vollständige Abkehr von US-Technologien als vielmehr eine zunehmende Bereitschaft, bestehende Abhängigkeiten zu überprüfen und europäische Alternativen zumindest in die Auswahl einzubeziehen.
Deutschland liegt knapp vor Frankreich und den nordischen Ländern
Die Studie wurde im Rahmen des Technologieevents „Bots & Brews“ vorgestellt. Erstmals untersuchte Myra Security neben dem deutschen Markt auch Frankreich sowie die nordischen Länder Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland.
Befragt wurden 1.007 IT-Entscheider in Deutschland, 504 Entscheider in Frankreich und 307 Verantwortliche aus den nordischen Ländern.
Beim Anteil der Unternehmen, die bereits europäische Software einführen, liegt Deutschland mit 39,7 Prozent knapp vor Frankreich mit 38,5 Prozent. In den nordischen Ländern beträgt der Anteil 35,5 Prozent.
Die Unterschiede zwischen den Regionen fallen damit vergleichsweise gering aus. Das spricht dafür, dass digitale Souveränität längst nicht mehr ausschließlich als deutsches oder europapolitisches Spezialthema betrachtet wird, sondern zunehmend zu einem strategischen Faktor für Unternehmen und öffentliche Institutionen wird.
Staat und kritische Infrastrukturen sollen europäischer werden
Besonders hoch ist die Zustimmung zum Einsatz europäischer Digitalprodukte in staatlichen Einrichtungen und bei Betreibern kritischer Infrastrukturen.

In Frankreich sprechen sich 93,6 Prozent der befragten IT-Entscheider dafür aus. In den nordischen Ländern liegt der Wert bei 88,9 Prozent und in Deutschland bei 87,5 Prozent. Gegenüber dem Vorjahr ist die Zustimmung in Deutschland damit weiter gestiegen. 2025 lag sie noch bei 84,4 Prozent.
Andrea Lindholz, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und Vorsitzende der Kommission zur digitalen Souveränität, bezeichnete Daten bei der Vorstellung der Studie als das „Gold der Gegenwart und der Zukunft“.
Gerade der Deutsche Bundestag verfüge über einen besonders wertvollen Datenbestand. Um bei digitaler Souveränität eine Vorbildfunktion einzunehmen, müsse der Mut wachsen, stärker auf deutsche und europäische Lösungen zu setzen.
Geopolitischer Druck führt nicht automatisch zur Abkehr von US-Software
Aktuelle geopolitische Entwicklungen erhöhen den Handlungsdruck. Im Durchschnitt gibt rund die Hälfte der europäischen IT-Entscheider an, den Fokus auf digitale Souveränität infolge der veränderten politischen Lage verstärkt zu haben.
Eine einheitliche Abkehr von US-amerikanischen Technologieanbietern lässt sich daraus jedoch nicht ableiten.
In Frankreich setzen 24,8 Prozent der Befragten infolge geopolitischer Ereignisse sogar verstärkt auf US-Software. In Deutschland liegt dieser Anteil bei 19,8 Prozent, in den nordischen Ländern bei 16,9 Prozent.
Die Ergebnisse verdeutlichen ein Spannungsfeld: Unternehmen wollen ihre technologische Abhängigkeit reduzieren, können oder möchten auf leistungsfähige US-Plattformen aber häufig nicht kurzfristig verzichten.
Digitale Souveränität bedeutet daher in der Praxis offenbar nicht zwangsläufig eine vollständige technologische Entkopplung. Vielmehr geht es zunehmend um Wahlfreiheit, kontrollierbare Abhängigkeiten und die Möglichkeit, kritische Systeme bei Bedarf auf europäische Anbieter zu verlagern.
Cybersicherheit, KI und Cloud stehen im Mittelpunkt
Besonders wichtig ist digitale Souveränität aus Sicht der Befragten in den Bereichen Cybersicherheit, künstliche Intelligenz und Cloud-Computing.
Cybersicherheit nennen 57,6 Prozent der IT-Entscheider in Deutschland und 57,1 Prozent in Frankreich als zentrales Technologiefeld. In den nordischen Ländern liegt der Wert mit 68,4 Prozent deutlich höher.
Auch bei künstlicher Intelligenz spielt technologische Unabhängigkeit eine zentrale Rolle. In Deutschland betrachten 50,1 Prozent der Befragten digitale Souveränität in diesem Bereich als besonders wichtig. In Frankreich sind es 52,4 Prozent, in den nordischen Ländern 48,6 Prozent.
Gerade bei KI- und Cloud-Diensten entscheidet sich zunehmend, wo sensible Daten verarbeitet werden, welchen Rechtsordnungen Anbieter unterliegen und ob Unternehmen im Ernstfall ihre Systeme und Daten auf andere Plattformen übertragen können.
Europäische Alternativen sollen echte Wahlfreiheit schaffen
Leonhard Kugler, Geschäftsführer des Zentrums für Digitale Souveränität der Öffentlichen Verwaltung, sieht in den Ergebnissen eine Bestätigung der aktuellen Marktentwicklung. Der Bedarf an digitaler Souveränität sei groß. Nun komme es darauf an, diesen Anspruch praktisch umzusetzen und echte Wahlfreiheit zu schaffen. Europa müsse nicht sämtliche Technologien selbst entwickeln, benötige aber auf jeder Ebene belastbare Alternativen.
Kugler spricht in diesem Zusammenhang von einem souveränen „German Stack“. Gemeint ist eine Technologiearchitektur, bei der für zentrale Komponenten wie Cloud-Infrastruktur, Identitätsmanagement, Cybersicherheit, Kollaboration und Datenverarbeitung deutsche oder europäische Lösungen verfügbar sind.
Migrationskosten und fehlende Marktübersicht bremsen den Wechsel
Der Wechsel zu europäischen Technologien bleibt für viele Unternehmen anspruchsvoll. 34,6 Prozent der deutschen IT-Entscheider nennen hohe Migrationskosten als zentrale Hürde.
Neben Investitionen in neue Software entstehen Kosten für Datenmigration, Schnittstellen, Mitarbeiterschulungen, Anpassungen bestehender Prozesse und den parallelen Betrieb alter und neuer Systeme.
Hinzu kommt ein Informationsproblem. Viele Unternehmen verfügen nach Angaben der Befragten nicht über ausreichende Kenntnisse zu verfügbaren europäischen Alternativen.
Damit fehlt häufig nicht grundsätzlich das Interesse an einem Anbieterwechsel, sondern eine belastbare Übersicht über Produkte, Funktionsumfang, Integrationsmöglichkeiten und langfristige wirtschaftliche Perspektiven.
Mehrheit hält digitale Unabhängigkeit bis 2035 für erreichbar
Trotz der bestehenden Hürden wächst die Zuversicht. 54,6 Prozent der deutschen IT-Entscheider halten es für realistisch, dass Europa bis 2035 eine strukturelle digitale Unabhängigkeit erreichen kann.
In den nordischen Ländern liegt der Anteil sogar bei 64,5 Prozent. In Frankreich zeigen sich die Befragten zurückhaltender: Dort rechnen 46,4 Prozent mit einer entsprechenden Entwicklung.
Ob diese Erwartungen erfüllt werden, hängt jedoch nicht allein von der Verfügbarkeit europäischer Software ab. Entscheidend wird sein, ob Anbieter konkurrenzfähige Produkte entwickeln, offene Schnittstellen schaffen und Unternehmen den Wechsel ohne unverhältnismäßig hohe technische und wirtschaftliche Risiken ermöglichen.
Die Studie zeigt dennoch einen deutlichen Stimmungswandel: Europäische Software wird nicht länger als Nischenlösung betrachtet. Sie entwickelt sich zunehmend zu einem strategischen Bestandteil der IT- und Sicherheitsplanung.
Über die Studie
Die Ergebnisse basieren auf einer im Auftrag von Myra Security durchgeführten Civey-Online-Umfrage unter 1.818 IT-Entscheidern: 1.007 in Deutschland, 504 in Frankreich sowie 307 in Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden. Die Erhebung erfolgte vom 25. Februar bis zum 5. März 2026. Die statistische Fehlertoleranz liegt bei rund fünf Prozent.