Betrugsbekämpfung
Betrugsbekämpfung 2026: Warum Wissen allein nicht mehr ausreicht
Organisatorische Hürden bremsen die Betrugsprävention
Cyberkriminelle organisieren sich professionell, nutzen künstliche Intelligenz und arbeiten längst über Länder- und Branchengrenzen hinweg. Während Fraud-Teams viele Angriffsmuster kennen und technisch gegensteuern könnten, bremsen interne Entscheidungsprozesse, regulatorische Anforderungen und fehlende Budgets die Abwehr. Das Online Fraud Forum 2026 in Hamburg machte deutlich: Die größte Herausforderung der Betrugsprävention liegt zunehmend nicht in der Technologie, sondern in der Fähigkeit, vorhandenes Wissen in wirksame Maßnahmen umzusetzen.
Professionelle Betrugsnetzwerke treffen auf organisatorische Grenzen
Die Bekämpfung digitaler Betrugsdelikte verändert sich. Banken, Zahlungsdienstleister und Onlinehändler stehen zunehmend professionell organisierten Tätergruppen gegenüber, die arbeitsteilig vorgehen, internationale Strukturen nutzen und ihre Methoden kontinuierlich weiterentwickeln.
Wie groß die organisatorischen Herausforderungen für die Verteidiger inzwischen sind, zeigte das Online Fraud Forum, das RISK IDENT am 17. September 2026 in Hamburg veranstaltete. Auffällig war dabei die Schwerpunktsetzung: Von acht inhaltlichen Programmpunkten beschäftigte sich lediglich einer ausdrücklich mit Technologie. Im Mittelpunkt standen stattdessen Täterstrukturen, branchenübergreifende Zusammenarbeit und die Frage, warum vorhandene Erkenntnisse häufig nicht konsequent in Sicherheitsmaßnahmen umgesetzt werden.
Damit rückte eine Entwicklung in den Vordergrund, die viele Fraud-Teams bereits aus ihrem Arbeitsalltag kennen. Technologische Fähigkeiten allein reichen nicht aus, wenn organisatorische Strukturen eine schnelle Reaktion verhindern
Betrugsorganisationen agieren wie professionelle Unternehmen
Den Vormittag bestimmte der Blick auf die Arbeitsweise internationaler Betrugsnetzwerke. Eine Staatsanwältin aus Rumänien erläuterte, wie sogenannte Scam-Organisationen intern aufgebaut sind und ihre Aktivitäten koordinieren.
Dass die Aufklärung solcher Strukturen zunehmend internationale Zusammenarbeit erfordert, verdeutlichten zwei Ermittler der Animus Blue GmbH. Sie beschrieben, wie sich ein grenzüberschreitendes Betrugsnetzwerk aufdecken lässt – von ersten Hinweisen bis zur Kooperation mit Europol und dem FBI.
Benjamin Cory von Visa unterstrich anschließend die Bedeutung gemeinsamer Abwehrstrategien. Seine zentrale Botschaft: Wirksame Betrugsbekämpfung kann nicht isoliert innerhalb einzelner Unternehmen stattfinden.
Darin liegt ein grundlegendes Ungleichgewicht. Während kriminelle Netzwerke Informationen austauschen, Ressourcen bündeln und flexibel auf neue Gelegenheiten reagieren, arbeiten Unternehmen häufig innerhalb klar abgegrenzter Zuständigkeiten. Sicherheitsrelevante Erkenntnisse bleiben dadurch nicht selten in einzelnen Abteilungen oder Organisationen.
Zwischen KI, Regulierung und Kundenerlebnis
Am Nachmittag rückten die internen Herausforderungen der Betrugsprävention in den Mittelpunkt. Fachleute von RISK IDENT, Zalando, Santander und der Polizei Hamburg diskutierten über die Zielkonflikte moderner Fraud Prevention.
Dabei ging es insbesondere um das Spannungsfeld zwischen künstlicher Intelligenz, regulatorischen Anforderungen und einem möglichst reibungslosen Kundenerlebnis.
Denn wirksame Betrugsprävention erfordert häufig zusätzliche Prüfungen, strengere Kontrollen oder automatisierte Entscheidungen. Gleichzeitig erwarten Kunden schnelle, unkomplizierte Transaktionen. Zu restriktive Schutzmaßnahmen können legitime Nutzer beeinträchtigen, während zu großzügige Prozesse neue Angriffsmöglichkeiten eröffnen. Hinzu kommt die Frage, wie Unternehmen KI-basierte Systeme einsetzen können, ohne Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Kontrolle über automatisierte Entscheidungen zu verlieren.
Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb zunehmend darin, Betrugsprävention nicht nur technisch, sondern auch organisatorisch und wirtschaftlich sinnvoll zu verankern.
Warum Fachwissen allein keine Entscheidungen verändert
Besonders deutlich wurde dieser Konflikt in einem Vortrag mit dem Titel „Du hast Recht. Und trotzdem kein Budget.“
Im Mittelpunkt stand eine Situation, die vielen Sicherheitsexperten vertraut sein dürfte: Risiken sind bekannt, technische Lösungen verfügbar und notwendige Maßnahmen fachlich begründet. Dennoch scheitert die Umsetzung an Prioritäten, internen Abstimmungen oder fehlenden finanziellen Mitteln.
„Die meisten Teams, mit denen wir sprechen, haben kein Erkenntnisproblem“, erklärte Frank Heisel, CEO von RISK IDENT . „Sie wissen ziemlich genau, wo ihre Lücken sind. Was fehlt, ist Durchsetzungskraft im eigenen Haus und ein belastbarer Austausch über Branchengrenzen hinweg. Beides haben wir in diesem Jahr bewusst in den Mittelpunkt des Programms gestellt.“
Damit wird Betrugsprävention zunehmend auch zur Führungsaufgabe. Verantwortliche müssen Risiken nicht nur erkennen und bewerten, sondern ihre wirtschaftlichen Auswirkungen verständlich vermitteln und notwendige Investitionen auf Entscheidungsebene durchsetzen.
KI-Agenten verändern die Spielregeln im digitalen Handel
Der technologische Programmpunkt des Forums beschäftigte sich mit einer Entwicklung, die die Betrugsprävention vor neue Herausforderungen stellt: autonomen KI-Agenten.

Dr. Sven Kurras, Director of Analytics bei RISK IDENT, diskutierte auf der Bühne mit KI-Agenten über deren künftige Rolle in der Betrugsbekämpfung und die Auswirkungen des sogenannten Agentic Commerce. Dabei geht es um KI-Systeme, die im Auftrag von Nutzern eigenständig Produkte recherchieren, Entscheidungen vorbereiten oder Transaktionen durchführen können.
Für Fraud-Teams entsteht dadurch ein neues Problem. Während automatisierte Zugriffe bislang häufig als potenzielles Warnsignal galten, könnten künftig immer mehr legitime Geschäftsprozesse von Softwareagenten übernommen werden.
Die klassische Unterscheidung zwischen menschlichen Nutzern und verdächtigen Bots verliert damit an Aussagekraft. Entscheidend wird zunehmend, ob ein Agent tatsächlich autorisiert handelt, welche Berechtigungen er besitzt und ob sein Verhalten zum jeweiligen Geschäftsvorgang passt.
Kurras formulierte dazu eine zugespitzte These: „Die gefährlichste Annahme in der Fraud Prevention ist, dass Betrug die Ausnahme ist und nicht die Regel.“
Die Entwicklung macht deutlich, dass bestehende Erkennungsmodelle überprüft werden müssen. Verhaltensanalysen, Identitätsprüfung und kontextbezogene Risikobewertung gewinnen an Bedeutung, wenn automatisierte Transaktionen zunehmend zum digitalen Alltag gehören.
Betrugsprävention braucht auch gesellschaftliche Aufklärung
Neben technischen und organisatorischen Maßnahmen bleibt die Sensibilisierung potenzieller Opfer ein wichtiger Bestandteil der Betrugsbekämpfung.
Wie groß der Handlungsbedarf ist, zeigte ein Impulsblock am späten Nachmittag, an dem unter anderem die EURO Kartensysteme GmbH und die Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention beteiligt waren.
Eine YouGov-Umfrage im Auftrag der Initiative Sicher Handeln vom Juli 2026 verdeutlicht die Verbreitung betrügerischer Finanzangebote im Internet. Demnach sind vier von zehn Befragten auf digitalen Kanälen bereits auf Werbung für betrügerische Finanzprodukte gestoßen.
Die Ergebnisse zeigen, dass Betrugsversuche längst kein Randphänomen mehr sind. Kriminelle nutzen digitale Plattformen und Werbeangebote, um potenzielle Opfer gezielt anzusprechen. Neben der Erkennung verdächtiger Transaktionen gewinnt deshalb auch die frühzeitige Aufklärung über typische Betrugsmaschen an Bedeutung.
Fraud Prevention muss zur strategischen Unternehmensaufgabe werden
Die zentrale Erkenntnis des Online Fraud Forums reicht über die Veranstaltung hinaus: Betrugsprävention darf nicht länger ausschließlich als technische Aufgabe einzelner Fachabteilungen verstanden werden. Professionelle Tätergruppen nutzen die Vorteile internationaler Zusammenarbeit, schneller Informationsflüsse und arbeitsteiliger Organisation. Unternehmen dagegen müssen häufig erst interne Zuständigkeiten klären, Budgets freigeben und regulatorische Fragen beantworten, bevor Gegenmaßnahmen umgesetzt werden können.
Um dieses Ungleichgewicht zu verringern, müssen Erkenntnisse aus den Fraud-Teams stärker in strategische Entscheidungen einfließen. Gleichzeitig braucht es einen belastbaren Informationsaustausch zwischen Banken, Zahlungsdienstleistern, Handelsunternehmen und Ermittlungsbehörden. Gerade der branchenübergreifende Austausch kann helfen, neue Betrugsmuster früher zu erkennen und bestehende Schutzmaßnahmen schneller anzupassen.
Das Online Fraud Forum 2026 zeigte damit eine wichtige Verschiebung: Nicht allein die Leistungsfähigkeit eingesetzter Technologien entscheidet über den Erfolg der Betrugsbekämpfung. Ebenso wichtig sind klare Verantwortlichkeiten, kurze Entscheidungswege und die Bereitschaft, relevante Informationen über Unternehmensgrenzen hinweg zu teilen.
Denn professionelle Betrugsnetzwerke lassen sich auf Dauer kaum mit Sicherheitsstrategien bekämpfen, die an Abteilungsgrenzen enden.