KI-Schwarzmarkt
KI-Zugänge werden zur Ware: Wie gestohlene Session-Tokens einen Schwarzmarkt für Frontier-Modelle antreiben
Okta warnt vor wachsendem Schwarzmarkt für gestohlene KI-Accounts und Session-Tokens
Der Boom generativer KI schafft nicht nur neue Geschäftsmodelle, sondern längst auch eine eigene Schattenökonomie. Gestohlene Session-Tokens, kompromittierte API-Keys und massenhaft missbrauchte Gratis-Credits machen den Zugang zu leistungsfähigen KI-Modellen zu einer handelbaren Ware – teilweise zu einem Bruchteil der offiziellen Preise. Für Unternehmen verschiebt sich damit das Sicherheitsproblem: Nicht mehr allein Passwörter und Benutzerkonten müssen geschützt werden, sondern jede aktive KI-Session und jede maschinelle Identität.
Okta Threat Intelligence (OTI) beobachtet eine deutliche Professionalisierung dieses illegalen Marktes . Nach Angaben der Sicherheitsforscher verkaufen Cyberkriminelle gestohlene oder missbräuchlich beschaffte Zugänge zu leistungsfähigen KI-Modellen mit Abschlägen von 70 bis 90 Prozent gegenüber regulären Abonnements.
Welche finanziellen Dimensionen ein kompromittierter Zugang erreichen kann, zeigt ein von OTI dokumentierter Fall: Dort summierten sich die Kosten einer nicht autorisierten KI-Nutzung auf fast eine Million US-Dollar.
Session-Tokens machen MFA wirkungslos
Ein zentraler Angriffsweg ist die Übernahme bestehender KI-Konten durch Infostealer-Malware. Entscheidend ist dabei, dass Angreifer nicht zwangsläufig das Passwort eines Nutzers benötigen.
Stattdessen stehlen sie aktive Session-Tokens oder API-Keys direkt aus Browsern und Anwendungen. Werden solche Tokens anschließend über Anti-Detect-Browser und Proxy-Infrastrukturen wiederverwendet, kann eine bereits authentifizierte Sitzung praktisch übernommen werden.
Damit entsteht ein entscheidender blinder Fleck klassischer Zugangssicherheit: Der Angreifer muss weder erneut einen Benutzernamen und ein Passwort eingeben noch eine Multi-Faktor-Authentifizierung durchlaufen. Aus Sicht des Zielsystems existiert bereits eine legitime Sitzung.
Gerade im KI-Umfeld ist das brisant. Accounts verfügen teilweise über erhebliche Token-Kontingente, kostenpflichtige APIs, Zugriff auf Unternehmensdaten oder Berechtigungen für weitere Cloud-Ressourcen.
Tausende gültige Tokens in einem einzigen Infostealer-Dump
Wie groß der verfügbare Rohstoff für diese Schattenökonomie inzwischen ist, verdeutlicht laut OTI ein rund sieben Gigabyte großer Infostealer-Datensatz vom 2. August 2026.
Er enthielt Logs von 5.871 kompromittierten Rechnern aus 162 Ländern. Darin fanden die Forscher Tausende gültige Session-Tokens für große Technologie- und KI-Anbieter wie Google, Microsoft, Anthropic und Amazon.
Hinzu kamen Tausende JSON Web Tokens (JWTs). Bei fast 18 Prozent davon sollen personenbezogene Informationen wie Namen, Telefonnummern oder E-Mail-Adressen unverschlüsselt enthalten gewesen sein.
Damit endet das Risiko nicht beim Missbrauch eines einzelnen KI-Accounts. Die erbeuteten Informationen können zugleich als Ausgangspunkt für weitere Phishing-Kampagnen, Identitätsdiebstahl und gezieltes Social Engineering dienen.
KI-Credits werden industriell abgegriffen
Der zweite von OTI beobachtete Angriffsweg setzt nicht auf gestohlene Accounts, sondern auf die systematische Ausnutzung legitimer Förder- und Einstiegsprogramme.
Auf entsprechenden Grau- und Schwarzmärkten werben Anbieter mit vermeintlich unbegrenzten Token-Kontingenten zu Preisen weit unterhalb der offiziellen Tarife. Hinter diesen Angeboten können massenhaft registrierte Fake-Accounts und missbrauchte Start-up- oder Promotions-Credits stehen.
Das Geschäftsmodell ist attraktiv, weil Cloud- und KI-Anbieter teilweise erhebliche Guthaben bereitstellen, um junge Unternehmen für ihre Plattformen zu gewinnen. Google stellt qualifizierten Start-ups beispielsweise Fördervolumen von bis zu 350.000 US-Dollar zur Verfügung, Anthropic von bis zu 100.000 US-Dollar.
Werden solche Programme automatisiert über Bot-Netzwerke und gefälschte Identitäten abgegriffen, verwandelt sich ein Instrument zur Innovationsförderung in eine Ressource für kriminelle Arbitrage.
105.000 Registrierungsversuche aus nur 251 IP-Adressen
Welche Skalierung dabei möglich ist, dokumentiert ein weiterer von Okta untersuchter Fall. Bei einem Anbieter für KI-Videodienste wurden innerhalb eines Monats mehr als 105.000 automatisierte Registrierungsversuche registriert, die von lediglich 251 IP-Adressen ausgingen. Zum Einsatz kamen unter anderem Wegwerf-E-Mail-Adressen und automatisierte Account-Erstellung.
Solche Verfahren können nicht nur zum Abgreifen kostenloser Kontingente genutzt werden. Sie eignen sich prinzipiell auch dazu, regionale Beschränkungen oder regulatorisch beziehungsweise sicherheitspolitisch begründete Zugangssperren zu umgehen.
Identitätsschutz endet nicht mehr beim Login
Für Security-Teams bedeutet diese Entwicklung, dass eine erfolgreiche MFA allein keine ausreichende Sicherheitsgarantie mehr darstellt. Ist eine legitime Sitzung bereits kompromittiert, befindet sich der Angreifer technisch hinter der Authentifizierungsschicht.
Entsprechend gewinnt kontinuierliches Session Monitoring an Bedeutung. Sicherheitssysteme müssen erkennen können, wenn sich während einer laufenden Sitzung zentrale Kontextparameter verändern – beispielsweise Gerät, Netzwerk, IP-Adresse, geografischer Kontext oder Nutzungsmuster.
Ebenso wichtig sind zentrale Logout-Mechanismen, mit denen kompromittierte Sessions möglichst applikationsübergreifend beendet werden können.
API-Keys sollten darüber hinaus mit möglichst restriktiven Berechtigungen versehen, regelmäßig rotiert und – wo technisch sinnvoll – an definierte IP-Bereiche oder Netzwerke gebunden werden. Ein gestohlener Schlüssel verliert damit zumindest einen Teil seines Wertes für Angreifer.
Passkeys erschweren das Account-Farming
Auch phishing-resistente Authentisierungsverfahren wie Passkeys können einen wichtigen Beitrag leisten. Ihr Vorteil liegt weniger darin, bereits gestohlene Session-Tokens nachträglich zu schützen, sondern darin, den Aufbau und die automatisierte Bewirtschaftung großer Mengen gefälschter oder kompromittierter Accounts zu erschweren.

Die grundsätzliche Entwicklung reicht allerdings weiter. Mit KI-Agenten, Service Accounts, APIs und autonom handelnden Anwendungen wächst die Zahl nichtmenschlicher Identitäten in Unternehmensumgebungen massiv. Damit wird Identity Security zunehmend zu einer Kontrollschicht für die gesamte KI-Infrastruktur.
„Diese Sicherheitsforschung unterstreicht unsere firmenweite Annahme, dass die Zukunft der Cybersicherheit zu einem großen Teil aus der Identitätssicherheit bestehen wird, denn je mehr KI-Modelle und KI-Agenten ausgerollt und eingesetzt werden, desto wichtiger wird es, den Zugriff zu verwalten – sowohl die Zugriffsrechte der Nutzer hin zu den Modellen als auch jene der Modelle selbst“, erklärt Arkadiusz Krowczynski, Principal Product Acceleration Specialist bei Okta .
Der florierende Schwarzmarkt für KI-Zugänge zeigt damit vor allem eines: KI-Sicherheit wird nicht allein auf Modell-, Prompt- oder Datenebene entschieden. Wer Sessions, Tokens und maschinelle Identitäten nicht kontrolliert, kann selbst mit starker MFA einen entscheidenden Teil seiner Sicherheitsarchitektur verlieren.