OT-Blindspot
KI-Rechenzentren haben blinde Flecken: Gebäudetechnik wird zur Angriffsfläche
Firewalls schützen keine Klimaanlage: Der unterschätzte OT-Blindspot moderner Rechenzentren
Der KI-Boom lässt weltweit neue Rechenzentren entstehen – doch mit dem Tempo des Ausbaus wächst offenbar eine bislang unterschätzte Angriffsfläche. Während Server, Netzwerke und Cloud-Infrastrukturen mit Zero Trust, Firewalls und ausgefeilten Sicherheitsmechanismen geschützt werden, können Systeme für Kühlung, Stromversorgung und Gebäudeautomation weiterhin direkt aus dem Internet erreichbar sein. Eine aktuelle Untersuchung von TrendAI zeigt damit ein grundlegendes Problem: Die Sicherheit eines Rechenzentrums endet nicht am Serverrack.
Forscher von TrendAI haben bei einer Analyse im Umfeld von 1.063 US-Rechenzentren insgesamt 6.300 mit hoher Wahrscheinlichkeit echte Industrial-Control- und Building-Automation-Systeme identifiziert, die über das öffentliche Internet erreichbar waren. Dazu gehören unter anderem BACnet-Controller, Niagara-Plattformen sowie Systeme für Klimatisierung, Energieversorgung und Umgebungsüberwachung.
Die Untersuchung verdeutlicht damit, wie stark klassische IT-Security und Operational Technology (OT) in modernen Rechenzentren inzwischen voneinander abhängig sind.
6.300 exponierte Systeme rund um Rechenzentrumsstandorte

Für ihre Analyse nutzten die Sicherheitsforscher Stephen Hilt und Numaan Huq die Suchmaschine Shodan. Untersucht wurden industrielle Kommunikationsprotokolle innerhalb eines Radius von einem Kilometer um bekannte US-Rechenzentrumsstandorte.
Aus zunächst 73.847 Shodan-Einträgen filterten die Forscher schließlich 6.300 sogenannte High-Confidence-Geräte auf 3.991 unterschiedlichen IP-Adressen heraus. Besonders häufig vertreten waren BACnet mit 3.664 Systemen sowie Fox/Niagara mit 1.453 Geräten. Zusammengenommen machen diese beiden Technologien 81 Prozent der gefundenen Systeme aus.
Allerdings ist bei der geografischen Zuordnung Vorsicht geboten. Die verwendeten GeoIP-Daten bilden vielfach den Standort der registrierten IP-Netze beziehungsweise Provider-Infrastruktur ab. Deshalb lässt sich nicht zweifelsfrei feststellen, ob ein gefundenes System tatsächlich innerhalb eines bestimmten Rechenzentrums installiert ist oder beispielsweise in einem benachbarten Gebäude betrieben wird.
Die Studie belegt somit vor allem eines: In denselben Ballungsräumen, in denen große Rechenzentrumsinfrastrukturen betrieben werden, existiert eine erhebliche Zahl öffentlich erreichbarer Gebäude- und OT-Systeme.

„Unsere Forscher haben diese 6.300 Systeme allein durch eine passive Internet-Recherche gefunden – ganz ohne Hacking, einfach über eine öffentliche Suchmaschine für internetfähige Geräte. Wenn sich diese Schwachstellen schon so leicht aufspüren lassen, drängt sich die Frage auf, wie es um die Bereiche steht, die von außen nicht einsehbar sind.
Wer aktuell in KI-Infrastruktur investiert oder Flächen anmietet, sollte das bei seinem Rechenzentrums-Betreiber aktiv hinterfragen – das gilt für die USA genauso wie für Deutschland und Europa, wo im ähnlichen Tempo gebaut wird“, sagt Udo Schneider, Governance, Risk & Compliance Lead, Europe bei TrendAI .
Ausgerechnet neue Rechenzentren zeigen höhere Expositionsraten
Besonders auffällig ist der Zusammenhang mit dem Alter der Rechenzentren. Anlagen, die seit 2021 genehmigt wurden und damit in die Phase des massiven KI-Infrastrukturausbaus fallen, weisen laut TrendAI eine Expositionsrate von 13,1 Prozent auf.
Bei Rechenzentren aus der Zeit vor 2010 liegt dieser Wert dagegen bei lediglich 4,9 Prozent.
Damit sind Standorte aus der KI-Ära mehr als doppelt so häufig von exponierten Systemen in ihrer Umgebung betroffen. Die Forscher sehen darin zumindest einen möglichen Zusammenhang zwischen hohem Bautempo, zunehmender Fernwartung und unzureichender Absicherung der Gebäudeautomation. Einen direkten kausalen Zusammenhang kann die Untersuchung allerdings nicht beweisen.
Gerade dieser Befund dürfte für den europäischen Markt relevant sein. Denn auch hier entstehen derzeit zahlreiche neue Rechenzentren, um den rapide steigenden Bedarf von Cloud-, KI- und Hyperscale-Infrastrukturen abzudecken.
Kritische Schwachstellen treffen auf unsichere OT-Protokolle
Das Problem beschränkt sich nicht auf die bloße Erreichbarkeit der Systeme. TrendAI ordnete den identifizierten Softwareversionen 53 bekannte CVEs zu. Mehrere davon erreichen kritische CVSS-Werte bis zum Maximalwert von 10.0.
Bei zahlreichen Systemen kommt noch ein grundsätzliches Architekturproblem hinzu: Protokolle wie BACnet, Modbus oder Fox wurden ursprünglich für abgeschottete industrielle Netzwerke entwickelt. Starke Authentisierung und Verschlüsselung gehörten nicht zwingend zu ihrem ursprünglichen Sicherheitsmodell.
Nach Berechnungen der Forscher weisen 964 der 6.300 Systeme beziehungsweise 15,3 Prozent Schwachstellen mit einem CVSS-Wert von mindestens 9.0 auf. Darüber hinaus stuft TrendAI 83,7 Prozent der untersuchten Systeme aufgrund der verwendeten Protokolle als grundsätzlich problematisch für eine direkte Internetexposition ein. Multi-Protokoll-Gateways werden zum besonders attraktiven Ziel
Ein weiterer kritischer Punkt sind zentrale Integrationssysteme.
Unter den 3.991 gefundenen IP-Adressen reagierten 143 Geräte auf mehrere industrielle Protokolle gleichzeitig. Bei 125 davon waren sowohl Fox/Niagara als auch BACnet aktiv.
Solche Gateways verbinden häufig unterschiedliche Bereiche der Gebäudeautomation miteinander. Ein kompromittierter Zugang könnte deshalb nicht nur ein einzelnes Gerät betreffen, sondern potenziell Zugriff auf mehrere technische Systeme eröffnen. Für Angreifer entsteht damit ein besonders attraktiver Einstiegspunkt in die physische Infrastruktur eines Gebäudes.
Kühlung und Stromversorgung werden Teil des Cyberrisikos
Die möglichen Konsequenzen unterscheiden sich deutlich von klassischen Angriffen auf IT-Systeme. Manipulierte Kühlanlagen können beispielsweise Temperaturgrenzen überschreiten lassen und automatische Schutzabschaltungen auslösen. Veränderungen an Energie-, Klima- oder Umgebungsparametern könnten Betriebsstörungen verursachen, während manipulierte Alarme gleichzeitig Betriebspersonal binden.
Damit verschwimmt die Grenze zwischen Cyberangriff und physischer Sabotage.
„Server in Rechenzentren gehören zu den am stärksten geschützten digitalen Umgebungen der Welt – doch die physische Infrastruktur, die sie am Leben hält, liegt oft fast vollständig außerhalb dieses Schutzes“, warnt Stephen Hilt, Principal Threat Researcher bei TrendAI.
Genau darin steckt die zentrale Botschaft der Untersuchung: Für einen Angreifer ist letztlich unerheblich, ob ein Dienst durch einen DDoS-Angriff, einen kompromittierten Server oder eine ausgefallene Kühlanlage offline geht.
Rechenzentrumssicherheit muss IT und OT gemeinsam betrachten
Die Studie macht damit weniger auf eine einzelne neue Schwachstelle als auf ein strukturelles Sicherheitsproblem aufmerksam.
Gebäudeautomation, Facility Management und klassische IT-Sicherheit werden organisatorisch häufig getrennt betrieben. Entsprechend existieren unterschiedliche Netzwerke, Verantwortlichkeiten, Monitoring-Systeme und Sicherheitsrichtlinien.
Bei hochverdichteten KI-Rechenzentren wird dieses Modell zunehmend riskant. GPU-Cluster benötigen enorme Energiemengen und erzeugen erhebliche Abwärme. Stromversorgung und Kühlung werden dadurch nicht nur zu betrieblichen Voraussetzungen, sondern zu sicherheitskritischen Komponenten der gesamten digitalen Infrastruktur.
Unternehmen, die eigene Rechenzentren betreiben oder Kapazitäten bei Colocation- und Cloud-Anbietern beziehen, sollten deshalb nicht ausschließlich Zertifizierungen, Netzwerkarchitektur und Datensicherheit hinterfragen. Ebenso relevant ist, wie Gebäudeleittechnik, Kühlanlagen, Energieversorgung und deren Fernwartungszugänge abgesichert und überwacht werden.
Der KI-Infrastrukturboom verändert damit auch die Definition von Rechenzentrumssicherheit: Wer Compute schützen will, muss künftig auch die Technik schützen, die Compute überhaupt erst am Laufen hält.