Finanzsektor

TrendAI-Studie zeigt wachsende Bedrohung des Finanzsektors durch KI-gestützte Cyberangriffe

, TrendAI | Autor: Herbert Wieler

89 Prozent der Finanzinstitute melden mehr Attacken – Cyberkriminelle stören zunehmend auch die Abwehr

Cyberkriminelle nutzen künstliche Intelligenz nicht mehr nur, um Angriffe schneller und effizienter durchzuführen. Sie setzen KI inzwischen auch dazu ein, Sicherheitsteams während laufender Vorfälle gezielt zu behindern. Für Banken und Finanzdienstleister entsteht damit eine neue Angriffsdynamik, auf die klassische, reaktive Sicherheitskonzepte kaum vorbereitet sind.

Eine neue Studie von TrendAI, dem Enterprise-Cybersecurity-Geschäftsbereich von Trend Micro, zeichnet ein alarmierendes Bild der Bedrohungslage im Finanzsektor. Demnach berichten fast neun von zehn befragten Finanzinstituten von einer Zunahme KI-gestützter Cyberangriffe innerhalb der vergangenen zwölf Monate.

Cyberkriminelle automatisieren mithilfe künstlicher Intelligenz zunehmend Betrugs-, Ransomware- und Intrusion-Kampagnen. Dadurch können sie Angriffe schneller skalieren, mehrere Angriffsphasen parallel ausführen und ihre Methoden während eines laufenden Vorfalls flexibel an die Reaktion der Verteidiger anpassen.

Die Ergebnisse des Berichts „The Modern Bank Heist “ bestätigen damit aktuelle Warnungen der Europäischen Zentralbank. Diese fordert Finanzinstitute dazu auf, ihre Cyberabwehr an die wachsenden Risiken durch fortschrittliche KI-Modelle anzupassen.

Angreifer sabotieren die Incident Response

Für die Studie befragte TrendAI im Juni 2026 weltweit 48 Chief Information Security Officers aus dem Finanzsektor. Die Ergebnisse zeigen, dass sich moderne Angriffe längst nicht mehr auf den Diebstahl von Daten oder die Verschlüsselung von Systemen beschränken.

67 Prozent der Befragten waren bereits mit sogenannter „Counter Incident Response“ konfrontiert. Dabei versuchen Angreifer gezielt, die Arbeit von Sicherheitsteams während laufender Ermittlungen und Abwehrmaßnahmen zu stören.

Sie löschen oder manipulieren Spuren, verändern ihre Infrastruktur, greifen Kommunikationskanäle an oder setzen zusätzliche Schadsoftware ein, um die Reaktion des betroffenen Unternehmens zu erschweren. Der eigentliche Angriff und die Sabotage der Verteidigung verschmelzen damit zunehmend zu einem gemeinsamen Vorgang.

„Die besorgniserregendste Erkenntnis ist nicht allein der Anstieg KI-gestützter Angriffe“, erklärt Tom Kellermann, Vice President of AI Security and Threat Research bei TrendAI . Entscheidend sei vielmehr, dass Cyberkriminelle Sicherheitsteams aktiv behinderten, während sich ein Vorfall noch entwickle.

Wenn Angreifer sowohl die Offensive steuern als auch die Reaktion der Verteidiger beeinflussen könnten, funktionierten traditionelle Regeln der Cyberabwehr nicht mehr. Unternehmen benötigten deshalb Sicherheitsfunktionen, die automatisiert und mit vergleichbarer Geschwindigkeit reagieren könnten.

89 Prozent registrieren mehr KI-basierte Angriffe

Die Studie nennt mehrere Entwicklungen, die den Handlungsdruck auf Banken und Finanzdienstleister erhöhen:

Besonders problematisch ist die Kombination aus steigender Angriffsgeschwindigkeit und begrenzten finanziellen sowie personellen Ressourcen. Während Cyberkriminelle ihre Kampagnen mithilfe von KI automatisieren, müssen viele Sicherheitsteams weiterhin mit weitgehend unveränderten Budgets arbeiten.

KI-Agenten automatisieren komplette Angriffsketten

TrendAI beobachtet außerdem einen zunehmenden Einsatz agentenbasierter KI. Cyberkriminelle verwenden spezialisierte KI-Agenten, um einzelne Phasen eines Angriffs selbstständig oder parallel durchzuführen.

Dazu gehören unter anderem die Auswahl potenzieller Opfer, das Erstellen personalisierter Phishing-Nachrichten, die Suche nach Schwachstellen, das Generieren von Schadcode und die Anpassung von Angriffen an die jeweilige Sicherheitsumgebung.

Statt jeden Schritt manuell auszuführen, können kriminelle Organisationen dadurch Teile einer Angriffskette automatisieren. Dies erhöht nicht nur die Geschwindigkeit, sondern ermöglicht auch eine größere Zahl gleichzeitig laufender Kampagnen.

Gerade Finanzinstitute sind attraktive Ziele. Neben Kundendaten und Zugangsdaten interessieren sich Angreifer zunehmend für vertrauliche Marktinformationen, Handelsstrategien und interne Entscheidungsprozesse.

Steganografie und RATs erschweren die Erkennung

Neben KI-Agenten setzen Cyberkriminelle weiterhin auf fortschrittliche Verschleierungs- und Fernzugriffstechniken. Dazu gehört beispielsweise Steganografie. Dabei werden Schadcode, Befehle oder Konfigurationsinformationen in scheinbar harmlosen Bilddateien versteckt.

Da die Dateien auf den ersten Blick unauffällig erscheinen, können sie klassische Sicherheitskontrollen leichter umgehen. Erst nach dem Öffnen oder Verarbeiten des Bildes liest die Malware die darin verborgenen Informationen aus.

Gleichzeitig entwickeln sich kommerziell verfügbare Remote Access Trojaner weiter. Moderne RATs bieten Cyberkriminellen Funktionen, die früher vor allem mit hoch entwickelten staatlichen Akteuren in Verbindung gebracht wurden.

Angreifer können damit Systeme fernsteuern, Zugangsdaten abgreifen, Dateien übertragen, Bildschirmaktivitäten überwachen und weitere Schadsoftware nachladen.

EZB verlangt konkrete Aktionspläne

Auch die Europäische Zentralbank sieht dringenden Handlungsbedarf . Nach Angaben von Claudia Buch, Vorsitzende der EZB-Bankenaufsicht, setzen Cyber- und IT-Resilienz angemessene personelle, technische und finanzielle Ressourcen voraus.

Europäische Finanzinstitute hätten ihre Kapazitäten in den vergangenen Jahren zwar erweitert. Dennoch müssten sie ihre Sicherheitsmaßnahmen angesichts der rasanten Entwicklung generativer und agentenbasierter KI weiter anpassen.

Bis Ende Oktober 2026 sollen Finanzunternehmen detaillierte Aktionspläne vorlegen, mit denen sie Risiken durch fortschrittliche KI-Modelle adressieren wollen. Damit wird KI-Sicherheit zunehmend auch zu einer Frage der regulatorischen Compliance. Banken müssen nicht nur technische Schutzmaßnahmen etablieren, sondern auch nachweisen können, wie Risiken bewertet, Verantwortlichkeiten geregelt und Reaktionsprozesse organisiert werden.

Von reaktiver Sicherheit zur proaktiven Abwehr

TrendAI empfiehlt Finanzinstituten, ihre Sicherheitsarchitektur stärker auf kontinuierliche Erkennung und automatisierte Reaktion auszurichten. Dazu gehört eine Intrusion-Prevention-Strategie, die virtuelles Patching, proaktive Bedrohungsanalysen sowie Managed Detection and Response miteinander verbindet.

Security Operations sollten KI-gestützte Funktionen nutzen, um verdächtige Aktivitäten in Echtzeit zu erkennen, zu bewerten und einzudämmen. Gleichzeitig müssen Unternehmen ihre Schutzmaßnahmen gegen Prompt Injection, Deepfake-Betrug und Business E-Mail Compromise verstärken.

Auch die organisatorische Stellung der Sicherheitsverantwortlichen spielt eine zentrale Rolle. CISOs sollten über ausreichende Unabhängigkeit und direkte Entscheidungsbefugnisse verfügen, um bei akuten Bedrohungen schnell handeln zu können.

„Vertrauen war im Bankwesen schon immer die wichtigste Geschäftsgrundlage“, betont Kellermann. Dieses Vertrauen werde heute permanent von cyberkriminellen Organisationen angegriffen, die KI einsetzten, um ihre Operationen schneller auszuweiten, als viele Unternehmen ihre Verteidigung anpassen könnten.

Der Schutz von Finanzinstituten erfordert deshalb kontinuierliche, erkenntnisbasierte Sicherheitsmaßnahmen. Punktuelle Reaktionen nach einem erfolgreichen Angriff reichen in einer Bedrohungslandschaft, in der Angreifer zunehmend autonom agieren, nicht mehr aus.

Über die Studie

Für den Bericht „The Modern Bank Heist“ befragte TrendAI im Juni 2026 weltweit 48 CISOs von Finanzinstituten. Die Untersuchung sollte zeigen, wie künstliche Intelligenz, organisierte Cyberkriminalität und neue Angriffstechniken die Bedrohungslandschaft im Finanzsektor verändern.