Kühlanlagen-Hack
Hacker manipulieren Supermarkt-Kühlanlagen und vernichten Lebensmittel
Experten der IT-Sicherheitsunternehmen Horizon3 und Filigran ordnen die Zwischenfälle ein.
Cyberangriffe auf vernetzte Kühlsysteme in europäischen Supermärkten zeigen, wie schnell digitale Sicherheitslücken zu realen wirtschaftlichen Schäden führen können. Manipulierte Kühltemperaturen, verdorbene Lebensmittel und unterbrochene Lieferketten machen deutlich, dass längst nicht mehr nur klassische IT-Systeme im Visier von Cyberkriminellen stehen. Besonders kritisch ist die wachsende Zahl unzureichend geschützter IoT-Geräte und industrieller Steuerungssysteme, deren Schwachstellen sich durch den Einsatz künstlicher Intelligenz möglicherweise noch schneller und gezielter ausnutzen lassen. Sicherheitsexperten von Horizon3 und Filigran warnen vor den weitreichenden Folgen solcher Angriffe und erklären, warum Unternehmen ihre vernetzte Infrastruktur dringend auf bislang übersehene Risiken überprüfen müssen.
Dan Bird, EMEA Field CTO bei Horizon3
„Wenn sich Kühlschränke in Supermärkten hacken lassen, stellt sich zwangsläufig die Frage, was das für Kühl- und Gefriergeräte in anderen Branchen bedeutet. Nehmen wir das Gesundheitswesen oder die Pharmaindustrie, wo Medikamente und Blutproben bei exakt festgelegten Temperaturen gelagert werden müssen. Ein Angriff auf diese Systeme könnte die Patientenversorgung massiv sabotieren, lebenswichtige Medikamente im Wert von Millionen verderben lassen und lebensbedrohliche Engpässe verursachen. Wenn so viele Geräte vernetzt sind und so wenige davon richtig überwacht und gepatcht werden, ist das Störpotenzial enorm. Unternehmen lassen Lücken in ihren Abläufen, die Millionen von Menschen betreffen könnten. Dieser Vorfall zeigt, dass Angreifer über die offensichtlichen Ziele hinausblicken und sich auf alles stürzen, was ungeschützt geblieben ist, selbst wenn es tief in der Lieferkette liegt.
Viele vernetzte Geräte, etwa Kühlschränke und andere Gebäudesysteme, wurden nie mit Blick auf Sicherheit entwickelt, und ältere Modelle sind am stärksten gefährdet. Angreifer haben ihnen in der Vergangenheit weniger Aufmerksamkeit geschenkt, daher werden sie von Security-Teams oft übersehen. Das macht sie zu einem blinden Fleck und zu einem einfachen Einfallstor in kritische Infrastrukturen. Bislang gibt es nicht genug öffentliche Details, um zu sagen, wer dahintersteckt. Sollte es sich um einen staatlich unterstützten Angriff handeln, war er wirkungsvoll. Er hat Lebensmittellieferketten in mehreren Ländern gestört und erheblichen finanziellen Schaden verursacht. Diesen Akteuren geht es um Störung: Sie wollen eingreifen und das Leben und die Wirtschaft ihrer Gegner treffen.
Unsere Resilienz hängt davon ab, dass wir davon ausgehen, dass jede kritische Infrastruktur gefährdet sein könnte und Angreifer früher oder später einen Weg hinein finden. Das gilt besonders für KI-gestützte Angriffe . KI gibt Angreifern unbegrenzte Möglichkeiten, jeden denkbaren Weg in ein Unternehmen zu testen. Man muss also davon ausgehen, dass es einen Weg hinein gibt. Unternehmen müssen diesen schneller finden als die Angreifer und ihn dann umgehend schließen."
Samuel Hassine, CEO und Mitbegründer von Filigran
„Ein Kühlschrank ist heute ein Computer, und diese Angriffe beweisen es. Die Methode, die im vergangenen Monat französische Supermärkte traf, hat nun Geschäfte in sieben weiteren europäischen Ländern erreicht. Tiefkühlschränke erwärmten sich über Nacht, und Lebensmittel mussten entsorgt werden. Viele dieser Steuerungen sind offen im Internet erreichbar, und bei einigen sind physische Änderungen erforderlich, nicht nur ein Software-Update. Die Reaktion erfolgte schnell. Techniker arbeiteten die ganze Nacht hindurch daran, die Geräte vom Netz zu trennen, und auch nationale Behörden arbeiten zusammen. Die Lehre daraus reicht weit über den Einzelhandel hinaus. Jedes Unternehmen betreibt Geräte, die es nicht als IT betrachtet: Kühl- und Heizungsanlagen, Türzugangssysteme, Gebäudesteuerungen. Unternehmen müssen herausfinden, was vernetzt ist, es unter Umständen vom offenen Internet trennen und vom Hersteller reparieren oder patchen lassen. Angreifer suchen nach allem, von dem Unternehmen vergessen haben, dass sie es besitzen.“
Neena Sharma, Product Marketing Leader bei Filigran:
„Dies ist bereits der zweite Angriff dieser Art innerhalb weniger Tage und er offenbart die Anfälligkeit von IoT-Geräten und Betriebstechnologien gegenüber KI-gestützten Hackerangriffen. Das Problem ist nicht, in welchem Umfang KI bei diesen Angriffen zum Einsatz kommt, sondern die Tatsache, dass KI unbeabsichtigt das Ausmaß dieser Angriffe ermöglicht und Schwachstellen sowie Angriffspfade aufgedeckt hat, deren Ausnutzung zuvor einen hohen Aufwand und erhebliche Ressourcen erforderte. Dieser Angriff auf die Lebensmittelversorgungskette verschärft die Cyberrisiken und zeigt, dass die Schäden mittlerweile weit über den digitialen Raum hinaus gehen.“
Damian, Senior Solution Engineering Manager bei Filigran
„Der Angreifer und das Motiv sind noch nicht geklärt, aber dies sind weitere Warnzeichen für ein neues Paradigma von Angriffen im Zeitalter der KI. Die Welt läuft mit solchen vernetzten Systemen: Gefriertruhen, Aufzüge, Mähdrescher, Wasserpumpen, Züge, Autos. Während viele davon in der Vergangenheit relativ leicht zu hacken waren, sorgten die schiere Bandbreite solcher Systeme und der geringe Ertrag beim Hacken jedes einzelnen Typs dafür, dass wir sicher blieben. Jetzt, im Zeitalter der KI, sinken die Kosten für Angriffe auf eine Vielzahl von Systemen durch relativ wenige erfahrene Hacker auf ein Niveau, bei dem solche Angriffe alltäglich werden könnten.“