OT-Hack

Hacker manipulieren Kühlanlagen: Warum veraltete OT-Systeme zum Sicherheitsrisiko werden

, TXOne Networks | Autor: Herbert Wieler

70 Grad im Kühlregal: Cyberangriffe auf Supermärkte offenbaren gefährliche OT-Sicherheitslücken

Manipulierte Kühlanlagen, verdorbene Lebensmittel und erhebliche wirtschaftliche Schäden: Die jüngsten Cyberangriffe auf deutsche Supermärkte zeigen, wie verwundbar vernetzte Betriebstechnik inzwischen ist. Besonders kritisch sind externe Fernwartungszugänge, veraltete Steuerungssysteme und fehlende Sicherheitsupdates. Die Vorfälle verdeutlichen, warum Betreiber ihre Operational Technology (OT) konsequenter absichern und auch nicht mehr aktualisierbare Anlagen in ihre Cybersecurity-Strategie einbeziehen müssen.

Morris Becker, Regional Director DACH bei TXOne Networks , erklärt, warum klassische IT-Sicherheitsmaßnahmen hier nicht ausreichen und welche Rolle Netzwerksegmentierung, Virtual Patching und konsequente Cyberhygiene spielen.

Cyberangriffe auf Kühlanlagen: Wenn Betriebstechnik zum Sicherheitsrisiko wird

Morris Becker, Regional Director DACH, TXOne Networks

Die Lebensmittelsicherheit rückt zunehmend in den Fokus der Cybersecurity. In mehreren Bundesländern, darunter Bayern, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, wurden die Kälteanlagen von Supermarktfilialen der Handelsketten Edeka, Rewe und CAP gezielt manipuliert. Statt Lebensmittel zuverlässig zu kühlen, wurden die Anlagen nachts auf Heizbetrieb umgestellt. In einem betroffenen Markt wurden an einer Frischetheke Temperaturen von bis zu 70 Grad Celsius gemessen.

Die Folgen waren gravierend: Große Mengen verderblicher Lebensmittel mussten entsorgt werden. Neben erheblichen finanziellen Verlusten zeigen die Vorfälle, dass Cyberangriffe längst nicht mehr ausschließlich digitale Infrastrukturen betreffen. Sie können unmittelbar in physische Prozesse eingreifen und die Versorgung mit sensiblen Gütern beeinträchtigen.

Die Angriffe in Deutschland sind dabei kein isoliertes Phänomen. Vergleichbare Zwischenfälle wurden zuvor bereits aus Frankreich, Schweden, Belgien und weiteren europäischen Ländern gemeldet. Sie verdeutlichen eine wachsende Bedrohung für die Operational Technology, die weit über klassische Industrieanlagen oder den Energiesektor hinausreicht.

Externe Fernwartung und veraltete Hardware als Einfallstore

Besonders brisant ist der mutmaßliche Angriffsweg. Ersten Berichten zufolge nutzten die Täter in einigen Fällen Zugänge externer Dienstleister, die für die Fernwartung der Kühlanlagen verantwortlich sind. Was im regulären Betrieb eine effiziente Wartung ermöglicht, kann bei unzureichender Absicherung zum kritischen Einfallstor werden.

Treffen kompromittierte Fernwartungszugänge auf verwundbare Steuerungssysteme, entsteht ein erhebliches Sicherheitsrisiko. Genau hier liegt eine zentrale Herausforderung für Betreiber von Kälte- und Klimatechnik.

Viele der eingesetzten Controller sind über Jahre hinweg in bestehende Betriebsumgebungen integriert worden. Sicherheitsupdates lassen sich häufig nur mit erheblichem Aufwand oder unter Inkaufnahme von Betriebsunterbrechungen installieren. Teilweise sind Aktualisierungen technisch überhaupt nicht mehr möglich.

Besonders problematisch sind sogenannte End-of-Life-Systeme. Diese Geräte erfüllen weiterhin wichtige betriebliche Funktionen, werden von ihren Herstellern jedoch nicht mehr mit Sicherheitsupdates versorgt. Bekannte Schwachstellen bleiben dadurch dauerhaft bestehen.

Hinzu kommt, dass einzelne ältere Steuerungssysteme weiterhin unverschlüsselte Kommunikationsprotokolle wie HTTP für ihren Management-Zugriff verwenden. Sind entsprechende Schnittstellen unzureichend geschützt oder direkt erreichbar, können Angreifer diese Schwächen gezielt ausnutzen.

Netzwerksegmentierung und Virtual Patching als Schutzmaßnahmen

Wenn sich kritische OT-Komponenten nicht mehr aktualisieren lassen, müssen Betreiber alternative Sicherheitsmechanismen etablieren. Entscheidend ist, die Angriffsfläche zu reduzieren und unautorisierte Zugriffe auf die Steuerungssysteme konsequent zu verhindern.

Eine zentrale Maßnahme ist die Netzwerksegmentierung. Gefährdete Controller sollten möglichst vollständig von anderen Unternehmensnetzwerken isoliert werden. Externe Verbindungen müssen auf das notwendige Minimum beschränkt und streng kontrolliert werden.

Aus Sicht der OT-Security bieten sich hierfür insbesondere Inline-Netzwerksicherheitslösungen an. Werden sie als kontrollierter Netzwerkpfad vor den betroffenen Steuerungssystemen eingesetzt, können sie Kommunikationsverbindungen auf ausdrücklich autorisierte Quellen begrenzen und unerlaubte Zugriffsversuche blockieren.

Eine weitere wichtige Schutzmaßnahme ist das sogenannte Virtual Patching. Dabei werden bekannte Schwachstellen nicht direkt auf dem betroffenen Endgerät behoben, sondern durch vorgeschaltete Sicherheitsmechanismen auf Netzwerkebene abgeschirmt.

Der Vorteil: Die bestehende Firmware muss nicht verändert werden. Gerade in OT-Umgebungen, in denen Softwareupdates mit erheblichen Risiken für die Anlagenverfügbarkeit verbunden sein können, schafft dieser Ansatz zusätzliche Sicherheit, ohne unmittelbar in den laufenden Betrieb eingreifen zu müssen.

Allerdings ersetzt Virtual Patching weder die eigentliche Fehlerbehebung noch eine langfristige Modernisierung der betroffenen Systeme. Es handelt sich um eine kompensierende Sicherheitsmaßnahme, die insbesondere bei älterer und nicht mehr unterstützter Hardware entscheidend zur Risikoreduzierung beitragen kann.

Kompromittierte Dienstleister erfordern zusätzliche Sicherheitskontrollen

Netzwerkbasierte Schutzmaßnahmen allein reichen jedoch nicht aus. Besonders dann, wenn Angreifer über reguläre und grundsätzlich autorisierte Fernwartungszugänge in eine OT-Umgebung gelangen, stoßen klassische Zugriffsbeschränkungen an ihre Grenzen.

Deshalb müssen technische Schutzmechanismen durch konsequente Cyberhygiene und eine systematische Kontrolle sämtlicher externen Zugänge ergänzt werden.

Dazu gehört insbesondere, Dienstleister-Schnittstellen regelmäßig auf ihre Sicherheit zu überprüfen und bestehende Zugriffsberechtigungen kritisch zu hinterfragen. Nicht mehr benötigte Benutzerkonten sollten deaktiviert und verdächtige Zugangsdaten unverzüglich gesperrt beziehungsweise geändert werden.

Ebenso wichtig sind eine nachvollziehbare Protokollierung von Fernwartungsaktivitäten und die kontinuierliche Überwachung ungewöhnlicher Kommunikationsmuster. Betreiber müssen erkennen können, wann, von wem und zu welchem Zweck auf kritische Steuerungssysteme zugegriffen wird. Langfristig führt zudem kein Weg an einer strukturierten Modernisierungsstrategie vorbei. Dazu gehören planbare Firmware-Upgrades, die regelmäßige Bewertung des Sicherheitsstatus eingesetzter Komponenten und der schrittweise Austausch nicht mehr unterstützter Systeme.

OT-Security darf nicht erst nach einem Cyberangriff beginnen

Die jüngsten Vorfälle im deutschen Einzelhandel sind ein deutliches Warnsignal. Sie zeigen, wie schnell digitale Sicherheitslücken reale wirtschaftliche Schäden verursachen und betriebliche Abläufe beeinträchtigen können.

Insbesondere Betreiber von Kälte- und Klimatechnik müssen ihre Sicherheitsstrategien deshalb neu bewerten. Fernwartungszugänge, veraltete Controller und unzureichend geschützte Kommunikationsschnittstellen dürfen nicht länger als nebensächliche technische Risiken behandelt werden.

Entscheidend ist ein mehrschichtiger Sicherheitsansatz, der Netzwerksegmentierung, kontrollierte Fernzugriffe, Virtual Patching und grundlegende Cyberhygiene miteinander verbindet.

Denn gerade dort, wo kritische Hardware keine Sicherheitsupdates mehr erhält, muss der Schutz durch die umgebende Infrastruktur gewährleistet werden. OT-Sicherheit ist damit keine nachgelagerte IT-Aufgabe, sondern eine grundlegende Voraussetzung für einen zuverlässigen und widerstandsfähigen Betrieb.