Schatten-KI

Fast jede zweite KI-Nutzung läuft unter dem Radar der IT: Akamai warnt vor Schatten-KI

, Akamai | Autor: Herbert Wieler

47 Prozent der KI-Nutzung entziehen sich der Unternehmens-IT

KI ist in vielen Unternehmen längst Teil des Arbeitsalltags – doch ein erheblicher Teil dieser Nutzung findet außerhalb kontrollierter Unternehmensumgebungen statt. Laut einer aktuellen Akamai-Analyse werden 47,11 Prozent aller KI-Konversationen über persönliche statt zentral verwaltete Unternehmensidentitäten geführt. Damit entwickelt sich Schatten-KI zunehmend vom Governance-Problem zu einem konkreten Sicherheitsrisiko für sensible Daten, Zugangsdaten und Unternehmensanwendungen.

Der neue State-of-the-Internet-Sicherheitsbericht von Akamai zeigt, wie schnell sich die Angriffsfläche durch generative KI, Browsererweiterungen und autonome Agenten verändert. Im „Enterprise AI Usage Risk Report 2026 “ untersucht der Anbieter insbesondere Risiken, die dort entstehen, wo Mitarbeitende KI-Anwendungen außerhalb der offiziellen IT-Strukturen einsetzen.

Das Problem liegt weniger in der Nutzung von KI selbst als in der fehlenden Kontrolle darüber, welche Daten wohin fließen und mit welchen Berechtigungen KI-Systeme arbeiten. Werden geschäftliche Inhalte über private Accounts verarbeitet, fehlen Unternehmen häufig zentrale Authentifizierung, Protokollierung, Richtlinienkontrolle und Compliance-Überwachung.

Schatten-KI wird zum strukturellen Sicherheitsproblem

Nach Angaben von Akamai laufen 47,11 Prozent der untersuchten KI-Konversationen über persönliche Identitäten. Geschäftliche Informationen gelangen damit potenziell in KI-Dienste, die weder von der IT freigegeben noch von Security-Teams überwacht werden.

Die Entwicklung zeigt, wie stark sich die Nutzung generativer KI innerhalb kurzer Zeit verändert hat. Was Anfang 2025 vielerorts noch als begrenztes Experiment begann, ist inzwischen fester Bestandteil zahlreicher Arbeitsprozesse. Sicherheitsarchitekturen und Governance-Modelle konnten mit dieser Geschwindigkeit jedoch nicht überall Schritt halten.

„KI steigert nicht mehr nur die Produktivität, sondern ist wie ein Arbeitskollege mit direktem Zugriff auf die wertvollsten Unternehmensressourcen“, erklärt Or Eshed, Vice President Enterprise Security Product and Engineering bei Akamai . Seiner Einschätzung nach greifen klassische Data-Loss-Prevention-Ansätze zu kurz. Sensible Informationen werden heute nicht mehr ausschließlich über Dateien oder E-Mails übertragen, sondern über Millionen einzelner Prompts, Uploads und Interaktionen mit KI-Systemen.

Für Sicherheitsverantwortliche bedeutet das einen Perspektivwechsel: Statt KI generell zu blockieren, müssen Unternehmen nachvollziehen können, welche Daten in welchen Kontexten verarbeitet werden und welche Aktionen KI-Agenten ausführen dürfen.

Neue Angriffe zielen direkt auf KI-Interaktionen

Besonders kritisch sind neue Angriffstechniken, die klassische Sicherheitskontrollen teilweise umgehen können. Akamai beschreibt drei Methoden, die im Umfeld KI-gestützter Anwendungen beobachtet wurden.

Beim sogenannten Vibe Hacking manipulieren Angreifer lokale Markdown- oder Konfigurationsdateien innerhalb von Entwicklungsumgebungen. KI-Programmierassistenten können dadurch dazu gebracht werden, unsicheren Code zu erzeugen oder Aktionen auszuführen, die für Entwickler zunächst wie normale Arbeitsabläufe aussehen.

CursorJacking richtet sich dagegen gegen Browsererweiterungen mit umfangreichen Berechtigungen. Manipulierte oder kompromittierte Extensions können beispielsweise API-Schlüssel, Quellcode oder Chatverläufe auslesen. Besonders riskant wird dies, wenn Entwickler KI-Tools und Entwicklungsplattformen direkt über den Browser verwenden.

Beim CometJacking nutzen Angreifer indirekte Prompt Injection. Präparierte Inhalte auf Webseiten enthalten dabei versteckte Anweisungen, die von einem KI-Agenten interpretiert werden können. Verfügt dieser Agent über Zugriff auf lokale Dateien, E-Mails oder aktive Sitzungen, können aus einer manipulierten Webseite plötzlich Aktionen innerhalb des Unternehmenssystems entstehen.

Gerade agentische KI verschiebt damit die Sicherheitsgrenzen. Ein klassischer Chatbot beantwortet Fragen. Ein autonomer Agent kann dagegen Anwendungen aufrufen, Dateien öffnen, Daten übertragen oder Aktionen im Namen eines Nutzers ausführen.

Browsererweiterungen werden zum unterschätzten Risiko

Akamai weist zudem auf die Berechtigungen KI-bezogener Browsererweiterungen hin. Fast drei Viertel dieser Erweiterungen sollen hohe oder kritische Zugriffsrechte verlangen. Gleichzeitig enthalten laut Bericht 16,3 Prozent bekannte Schwachstellen.

Damit entsteht ein Sicherheitsproblem, das in vielen Unternehmen bislang nur begrenzt adressiert wird. Browsererweiterungen werden häufig wie harmlose Zusatzfunktionen behandelt, verfügen technisch jedoch teilweise über weitreichenden Zugriff auf Webseiteninhalte, Zwischenablagen, Sitzungsdaten oder Eingaben.

Im Zusammenspiel mit KI-Anwendungen kann daraus eine besonders sensible Kombination entstehen: Ein Plugin sieht, welche Daten ein Nutzer verarbeitet, während ein KI-Dienst gleichzeitig Inhalte analysiert und weiterverarbeitet.

Fünf Prioritäten für CISOs

Akamai leitet aus den Ergebnissen mehrere Handlungsempfehlungen ab. Eine zentrale Rolle spielen dabei sogenannte KI-Poweruser. Nach Einschätzung des Unternehmens verursacht eine vergleichsweise kleine Gruppe besonders aktiver Anwender einen erheblichen Anteil der KI-Interaktionen. Genau dort könnten gezielte Telemetrie, Schulungen und Kontrollen besonders wirksam sein.

Gleichzeitig sollten Unternehmen private KI-Accounts möglichst durch zentral verwaltete Zugänge ersetzen und Single Sign-on konsequent durchsetzen. Ebenso wichtig ist ein kontinuierliches Inventar der tatsächlich genutzten KI-Dienste – einschließlich kleiner SaaS-Angebote, die sich häufig außerhalb klassischer Freigabeprozesse etablieren.

Auch DLP muss neu gedacht werden. Statt ausschließlich Dateien oder Datenströme zu überwachen, rücken Prompts, Copy-and-Paste-Vorgänge und Dokument-Uploads in den Mittelpunkt.

Browser- und IDE-Erweiterungen sollten zudem wie privilegierte Software behandelt und entsprechend geprüft werden. Für autonome KI-Agenten gilt schließlich das Least-Privilege-Prinzip: Sie sollten ausschließlich auf jene Ressourcen zugreifen dürfen, die für die jeweilige Aufgabe tatsächlich erforderlich sind.

Die Zahlen aus dem Akamai-Bericht zeigen vor allem eines: Unternehmen können KI-Sicherheit nicht mehr allein über zugelassene Anwendungen organisieren. Entscheidend wird zunehmend, wer welches KI-System mit welchen Daten nutzt und welche Aktionen daraus entstehen können.

Schatten-KI ist damit vergleichbar mit früheren Entwicklungen rund um Shadow IT – allerdings mit einer zusätzlichen Dimension. KI verarbeitet nicht nur Unternehmensdaten, sondern interpretiert sie, kombiniert Informationen und kann über Agenten selbstständig Handlungen auslösen.

Mit Workforce Protector, dem früheren LayerX, hat Akamai zuletzt selbst eine Lösung vorgestellt, die genau diese Interaktionsebene adressieren soll. Unternehmen sollen damit KI-Nutzung und hybride Arbeitsumgebungen aus Menschen und autonomen Agenten überwachen und absichern können.

Für CISOs dürfte die zentrale Herausforderung dennoch weniger in einem einzelnen Security-Produkt liegen. Gefordert ist vielmehr eine Governance- und Sicherheitsarchitektur, die KI-Nutzung sichtbar macht, Identitäten kontrolliert, Berechtigungen begrenzt und riskante Interaktionen möglichst früh erkennt.