Fake Gemini Installer

Fake Gemini Installer verbreitet Vidar-Infostealer über Google Colab

, IPS | Autor: Herbert Wieler

Darktrace analysiert Vidar-Infektion über gefälschten Google-Gemini-Installer

Generative KI verändert nicht nur Arbeitsprozesse – sie verändert auch die Mechanik erfolgreicher Cyberangriffe. Angreifer müssen Anwender zunehmend nicht mehr mit klassischen Phishing-Mails auf dubiose Webseiten locken, sondern können deren aktive Suche nach neuen KI-Werkzeugen ausnutzen. Ein von Darktrace untersuchter Angriff mit einem gefälschten Google-Gemini-Installer zeigt exemplarisch, wie Vertrauen in bekannte Marken, legitime Cloud-Plattformen und die hohe Nachfrage nach KI-Software zu einer wirkungsvollen Angriffskette kombiniert werden können.

Im Juli 2026 beobachteten die Sicherheitsforscher von Darktrace in der EMEA-Region eine Infektion mit dem Infostealer Vidar. Der Köder: eine ausführbare Datei mit dem vielversprechenden Namen „Download_Google_Gemini_For_Windows.exe“, die den Eindruck vermittelte, es handle sich um eine Installationsdatei für Googles KI-Assistenten Gemini.

Der Angriff beginnt bei der Software-Suche

Bemerkenswert an dem Vorfall ist weniger die eingesetzte Malware als der Weg zum Opfer. Nach Erkenntnissen von Darktrace begann die Infektion offenbar nicht mit einer Phishing-Mail, sondern mit der normalen Suche eines Anwenders nach Software.

Bei der Untersuchung stießen die Analysten auf eine Seite bei Google Colab, die zum Download des vermeintlichen Gemini-Installers aufforderte. Von dort wurden Anwender auf eine weitere Webseite weitergeleitet, die sich als „Windows Software Hub“ präsentierte und den manipulierten Installer bereitstellte. Netzwerkdaten zeigten zudem SSL-Verbindungen zu Google Colab unmittelbar bevor die verdächtige Datei ausgeführt wurde.

Damit verschiebt sich ein zentraler Bestandteil des Social Engineerings. Der Angreifer muss sein Opfer nicht mehr davon überzeugen, einen unerwarteten Anhang zu öffnen. Stattdessen klinkt er sich in einen Prozess ein, den der Anwender selbst initiiert hat: die Suche nach einer vermeintlich legitimen Anwendung.

Vertrauenswürdige Plattformen werden Teil der Tarnung

Mit Google Colab nutzten die Angreifer eine etablierte Cloud-Plattform, die vor allem Entwicklern, Forschern und Data Scientists bekannt ist. Dadurch erhält der Angriff bereits in einer frühen Phase einen Vertrauensvorschuss.

Darktrace stellte bei der Analyse außerdem fest, dass das angebotene ZIP-Archiv offenbar eine README-Datei enthielt. Darin sollten Anwender die heruntergeladene Datei mit Administratorrechten starten und zusätzlich eine Ausnahme in ihrer Antivirensoftware einrichten.

Technisch ist diese Methode keineswegs revolutionär. Psychologisch ist sie jedoch geschickt aufgebaut: bekannte Plattform, bekannte KI-Marke, vermeintlich normaler Downloadprozess – und anschließend Anweisungen, die notwendige Sicherheitsmechanismen gleich selbst zu deaktivieren

Der Erfolg solcher Kampagnen hängt damit weniger von einer hochentwickelten technischen Schwachstelle ab als von der Glaubwürdigkeit des gesamten Ablaufs.

Vidar greift Browser-Zugangsdaten ab

Bei der ausgelieferten Schadsoftware handelte es sich laut Darktrace um eine neuere, in Go kompilierte Variante des bereits bekannten Vidar-Infostealer . Die Malware kommunizierte unter anderem mit Telegram-basierter Infrastruktur.

Kurz nach der Ausführung des manipulierten Installers stellte das betroffene Gerät Verbindungen zu verdächtigen externen IP-Adressen her. Spätere Meldungen aus der integrierten Microsoft-Defender-for-Endpoint-Umgebung wiesen zudem auf Aktivitäten hin, die mit dem Diebstahl von Browser-Zugangsdaten und anderen sensiblen Informationen übereinstimmten.

Die eigentliche Malware ist damit keineswegs neu. Neu ist vor allem die Verpackung. Und genau darin liegt die strategische Bedeutung des Falls.

KI wird vom Angriffswerkzeug zum Köder

Bislang konzentriert sich die Diskussion um KI und Cyberkriminalität häufig darauf, wie Angreifer generative KI für Phishing, Malware-Entwicklung oder automatisierte Angriffe einsetzen können. Der Darktrace-Fall zeigt eine zweite Entwicklung: KI selbst wird zur Social-Engineering-Marke.

Je stärker Chatbots, KI-Assistenten, Coding-Tools, Agenten und Browser-Erweiterungen in den Arbeitsalltag einziehen, desto häufiger suchen Mitarbeiter eigenständig nach entsprechenden Anwendungen. Cyberkriminelle können diese Nachfrage gezielt abfangen – etwa über manipulierte Suchergebnisse, gefälschte Downloadportale oder kompromittierte beziehungsweise missbrauchte legitime Plattformen.

Damit entsteht für Unternehmen ein Sicherheitsproblem, das eng mit Schatten-KI verbunden ist. Wer Mitarbeitern keinen klar geregelten und leicht zugänglichen Weg zu freigegebenen KI-Anwendungen bietet, muss damit rechnen, dass sie selbst danach suchen.

Reputation allein reicht als Sicherheitsmerkmal nicht mehr

Der Vorfall macht zugleich deutlich, wie problematisch klassische Vertrauenssignale geworden sind. Eine bekannte Marke, HTTPS oder die Nutzung einer etablierten Cloud-Plattform bedeuten nicht automatisch, dass der nachgelagerte Prozess vertrauenswürdig ist.

Darktrace erkannte die Kompromittierung anhand mehrerer Verhaltensanomalien – darunter die Ausführung einer verdächtigen neuen Datei, ungewöhnliche Netzwerkkommunikation und Hinweise auf Credential Theft. Die automatisierte Reaktion blockierte anschließend Verbindungen zu verdächtiger Infrastruktur und isolierte das kompromittierte Gerät.

Das illustriert einen grundsätzlichen Wandel in der Cyberabwehr: Je häufiger Angreifer legitime Dienste, normale Benutzeraktionen und bekannte Marken in ihre Angriffsketten integrieren, desto schwieriger wird es, Sicherheit ausschließlich anhand statischer Reputation oder bekannter Indicators of Compromise zu beurteilen.

Unternehmen müssen den KI-Download zur Sicherheitsfrage machen

Für Security-Verantwortliche ergibt sich daraus eine praktische Konsequenz: Die Einführung generativer KI darf nicht allein als Governance- oder Datenschutzthema betrachtet werden.

Unternehmen sollten klar definieren, welche KI-Werkzeuge eingesetzt werden dürfen, woher diese bezogen werden und wie Mitarbeiter neue Anwendungen anfordern können. Gleichzeitig müssen Awareness-Programme berücksichtigen, dass moderne Malware-Kampagnen nicht zwangsläufig mit einer verdächtigen Nachricht beginnen.

Der Nutzer kann inzwischen selbst derjenige sein, der den ersten Schritt zum Angriff macht – durch eine vollkommen legitime Google-Suche nach einem neuen KI-Tool.

Der KI-Boom erweitert deshalb nicht nur die technologische Angriffsfläche. Er schafft auch eine neue Form des Social Engineerings, bei der Neugier, Produktivität und das Vertrauen in etablierte KI-Marken zum eigentlichen Köder werden.