OT Security

Cyberangriffe auf französische Supermärkte zeigen Schwachstellen in der OT-Sicherheit

, TXOne Networks | Autor: Herbert Wieler

Cyberangriffe auf Kühlanlagen in Frankreich und die Risiken veralteter Steuerungssysteme

Wenn Kühlanlagen plötzlich heizen statt kühlen, wird aus einem Cyberangriff innerhalb weniger Stunden ein wirtschaftlicher Schaden. Genau das ist in Hunderten französischen Supermärkten passiert, nachdem Angreifer die Steuerung vernetzter Kälteanlagen manipuliert hatten. Die Vorfälle zeigen, wie verwundbar die Lebensmittelversorgung durch unzureichend geschützte Operational Technology (OT) geworden ist – und warum klassische IT-Sicherheitskonzepte allein nicht mehr ausreichen.

Morris Becker, Regional Director DACH bei TXOne Networks , erklärt, warum Netzwerksegmentierung, Virtual Patching und mehrschichtige Sicherheitsstrategien für den Schutz vernetzter Betriebsanlagen entscheidend sind.

Die Cyberangriffe auf französische Supermärkte im Oktober 2026 markieren eine besorgniserregende Entwicklung der OT-Bedrohungslandschaft.

Morris Becker, Regional Director DACH, TXOne Networks

Angreifer manipulierten die Steuerung von Kühl- und Tiefkühlanlagen und verursachten dadurch erhebliche Schäden an verderblichen Lebensmitteln. Für die betroffenen Handelsunternehmen bedeutete dies nicht nur finanzielle Verluste, sondern auch massive Störungen der Betriebsabläufe.

Der Vorfall macht deutlich, dass die Absicherung industrieller Steuerungssysteme längst keine ausschließliche Aufgabe von Energieversorgern, Produktionsunternehmen oder Betreibern klassischer kritischer Infrastrukturen mehr ist. Auch Supermärkte, Logistikzentren und Unternehmen der Lebensmittelversorgung sind auf vernetzte technische Anlagen angewiesen, deren Ausfall unmittelbare wirtschaftliche Folgen haben kann.

Veraltete Steuerungstechnik wird zum Sicherheitsrisiko

Ein zentrales Problem liegt in der eingesetzten Hardware und deren Lebenszyklus. Viele Kühlanlagen werden über spezialisierte Controller gesteuert, die für einen jahrelangen, möglichst unterbrechungsfreien Betrieb ausgelegt sind. Sicherheitsupdates lassen sich jedoch häufig nur mit erheblichem Aufwand installieren, da Wartungsfenster begrenzt sind und Eingriffe in die Steuerungstechnik den laufenden Betrieb beeinträchtigen können.

Betroffen sind unter anderem Steuerungssysteme der Danfoss-Serien AK-SM und AK-SC. Besonders kritisch ist die Situation bei älteren Geräten wie dem AK-SM 800 oder AK-SC 355, die das Ende ihres Produktlebenszyklus erreicht haben und keine regulären Sicherheitsupdates mehr erhalten.

Solche End-of-Life-Systeme bleiben häufig über Jahre im Einsatz, weil sie ihre eigentliche Funktion weiterhin zuverlässig erfüllen. Aus Sicht der Cybersicherheit entsteht dadurch jedoch ein wachsendes Risiko: Während sich Angriffstechniken kontinuierlich weiterentwickeln, bleiben bekannte Schwachstellen in der Steuerungstechnik bestehen.

Hinzu kommen unzureichend abgesicherte Management-Schnittstellen. Bei bestimmten älteren Firmware-Versionen, beispielsweise des Danfoss AK-SM 800A, erfolgt die Administration über unverschlüsselte HTTP-Verbindungen. Sind solche Schnittstellen zudem direkt über das Internet erreichbar, vergrößert sich die Angriffsfläche erheblich.

CERT-FR warnt vor weiteren Angriffen

Die französische IT-Sicherheitsbehörde CERT-FR reagierte am 12. Oktober 2026 mit einer Sicherheitswarnung, die am folgenden Tag erweitert wurde. Neben den Danfoss-Serien AK-SM und AK-SC nennt die Behörde inzwischen auch Steuerungssysteme von Copeland und Dixell als betroffen. Besonders alarmierend: Nach Einschätzung des CERT-FR könnten die Angriffe weiterhin andauern.

Die Behörde empfiehlt deshalb, betroffene Management-Schnittstellen grundsätzlich nicht mehr direkt über das Internet zugänglich zu machen. Fernwartungszugriffe sollten ausschließlich über abgesicherte VPN-Verbindungen oder geschützte Netzwerke erfolgen. Eine kurzfristige Beschränkung auf vertrauenswürdige IP-Adressen kann das Risiko reduzieren, gilt jedoch nicht als dauerhafte Sicherheitslösung. Für Betreiber bedeutet das, bestehende Fernwartungskonzepte kritisch zu überprüfen. Denn gerade bei Kühlanlagen ist der Zugriff externer Dienstleister häufig fester Bestandteil des technischen Betriebs.

Virtual Patching schützt Systeme ohne Firmware-Update

Wenn Sicherheitsupdates nicht verfügbar sind oder sich nicht kurzfristig installieren lassen, gewinnen kompensierende Schutzmaßnahmen an Bedeutung.

Aus OT-Security-Perspektive bieten sich insbesondere Inline-Netzwerksicherheitslösungen an. Sie werden so in die Kommunikationswege integriert, dass der Datenverkehr zu den Steuerungssystemen kontrolliert und auf autorisierte Verbindungen beschränkt werden kann.

Damit lassen sich unzulässige Zugriffe unterbinden und verdächtige Kommunikationsmuster erkennen, ohne unmittelbar in die Firmware oder die Steuerungslogik der Anlagen eingreifen zu müssen.

Eine wichtige Rolle spielt dabei das sogenannte Virtual Patching. Statt eine Schwachstelle direkt auf dem betroffenen Gerät zu beseitigen, können geeignete Netzwerk-Sicherheitsmechanismen bekannte Angriffsmuster erkennen und blockieren.

Für die Danfoss AK-SM-800A-Serie sind beispielsweise mehrere Schwachstellen dokumentiert:

Für diese Schwachstellen stehen bei unterstützten Systemen Firmware-Korrekturen zur Verfügung. Wo entsprechende Updates nicht möglich sind, kann Virtual Patching dazu beitragen, die Angriffsfläche zu reduzieren.

Allerdings ersetzt dieser Ansatz weder eine sichere Netzwerkkonfiguration noch die langfristige Modernisierung veralteter Steuerungssysteme. Zudem ist bislang nicht abschließend geklärt, welche konkreten Schwachstellen bei den aktuellen Angriffen in Frankreich ausgenutzt wurden.

OT-Sicherheit braucht mehr als Netzwerksegmentierung

Der Fall zeigt auch, dass einzelne Sicherheitsmaßnahmen nicht ausreichen, um komplexe OT-Umgebungen zuverlässig zu schützen.

Neben einer konsequenten Netzwerksegmentierung müssen Betreiber die grundlegende Cyberhygiene ihrer Steuerungssysteme sicherstellen. Dazu gehören starke und individuelle Zugangsdaten, die regelmäßige Überprüfung vorhandener Benutzerkonten sowie eine kontinuierliche Kontrolle von Konfigurationen und Fernwartungszugriffen.

Bei einem vermuteten oder bestätigten Sicherheitsvorfall empfiehlt das CERT-FR darüber hinaus, kompromittierte Geräte vom öffentlichen Internet zu trennen, auf Werkseinstellungen zurückzusetzen und anschließend sicher neu zu konfigurieren.

Ein Factory Reset allein reicht jedoch nicht aus, wenn die ursprünglichen Schwachstellen weiterhin bestehen. Ohne zusätzliche Schutzmaßnahmen können Angreifer dieselben Systeme erneut kompromittieren.

Entscheidend ist deshalb ein mehrschichtiges Sicherheitskonzept, das technische Schutzmechanismen mit klaren organisatorischen Verantwortlichkeiten verbindet. Dazu gehört auch eine strategische Bestandsaufnahme: Welche Controller sind im Einsatz? Welche Firmware-Versionen werden verwendet? Welche Systeme sind nicht mehr updatefähig? Und welche externen Dienstleister verfügen über Fernwartungszugänge? Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, lassen sich Risiken systematisch bewerten und geeignete Schutzmaßnahmen priorisieren.

Die Lebensmittelversorgung wird zur OT-Sicherheitsfrage

Die Angriffe auf französische Supermärkte verdeutlichen eine Entwicklung, die weit über den Einzelhandel hinausgeht. Cyberkriminelle müssen nicht zwangsläufig Unternehmensdaten verschlüsseln oder sensible Informationen stehlen, um erheblichen wirtschaftlichen Schaden anzurichten.

Die Manipulation technischer Betriebsprozesse kann bereits ausreichen, um Warenbestände zu vernichten, Lieferketten zu beeinträchtigen oder ganze Standorte vorübergehend lahmzulegen.

Für Betreiber von Kälte-, Klima- und anderen vernetzten technischen Anlagen ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: OT-Sicherheit muss von Anfang an Bestandteil der betrieblichen Risikostrategie sein. Insbesondere dort, wo ältere Steuerungssysteme nicht mehr aktualisiert werden können, sind proaktive und mehrschichtige Verteidigungsstrategien unverzichtbar.

Die wichtigste Lehre aus Frankreich: Eine funktionierende Anlage ist noch lange keine sichere Anlage. Wer seine OT-Infrastruktur nicht konsequent schützt, riskiert, dass aus einer technischen Schwachstelle innerhalb weniger Stunden eine handfeste Betriebskrise wird.