Phishing

Claude-Max-Phishing: Wie Cyberkriminelle mit gefälschten KI-Abos Google-Konten kapern

, KnowBe4 | Autor: Herbert Wieler

Phishing-Kampagne zielt auf Google-Konten

Ein kostenloses Premium-Abo für einen gefragten KI-Assistenten – und am Ende ist das Google-Konto kompromittiert. Cyberkriminelle nutzen die steigende Nachfrage nach KI-Diensten für eine ausgefeilte Phishing-Kampagne, bei der täuschend echte Anmeldefenster die Zugangsdaten der Opfer abgreifen sollen. Der Fall zeigt, wie professionelle Phishing-Werkzeuge klassische Sicherheitsmerkmale wie Adressleisten und Schloss-Symbole zunehmend entwerten.

Dr. Martin J. Krämer, CISO Advisor bei KnowBe4 , erläutert die Angriffsmethode und zeigt, weshalb Passwort-Manager, phishingresistente Authentifizierung und ein kritischer Blick auf vermeintliche KI-Schnäppchen immer wichtiger werden.

Kostenlose Premium-Zugänge zu beliebten KI-Diensten sind ein attraktives Angebot.

Dr. Martin J. Krämer, CISO Advisor bei KnowBe4

Genau darauf setzen Cyberkriminelle bei einer Phishing-Kampagne, die angeblich kostenlose Abonnements für Claude Max verspricht. Der kostenpflichtige Tarif von Anthropics KI-Assistent Claude bietet besonders hohe Nutzungslimits und ist entsprechend begehrt. Tatsächlich geht es den Angreifern jedoch nicht um den KI-Dienst, sondern um die Zugangsdaten zu Google-Konten.

Aufgedeckt wurde die Kampagne von Sicherheitsforschern des Unternehmens Malwarebytes , die ihre Analyse am 23. September 2026 veröffentlichten. Die Untersuchung verdeutlicht, wie gezielt Angreifer aktuelle Technologietrends aufgreifen und mit professionell gestalteten Phishing-Seiten verbinden.

Ein kostenloses KI-Abo als glaubwürdige Falle

Die betrügerische Website behauptet, Anthropic habe die Marke von 100 Millionen Nutzern überschritten. Als Dankeschön verschenke das Unternehmen deshalb 10.000 einmonatige Claude-Max-Abonnements.

Auf den ersten Blick wirkt das Angebot überzeugend. Die Angreifer verwenden das offizielle Anthropic-Logo, orientieren sich an den Markenfarben und präsentieren erfundene Fünf-Sterne-Bewertungen. Selbst der umfangreiche Footer ist sorgfältig gestaltet. Die meisten dort hinterlegten Links führen tatsächlich zu offiziellen Anthropic-Seiten.

Diese Mischung aus echten und manipulierten Elementen soll Vertrauen schaffen. Wer die Website nur oberflächlich überprüft, könnte deshalb annehmen, sich auf einer legitimen Aktionsseite zu befinden.

Hinzu kommt ein weiteres psychologisches Druckmittel: künstliche Verknappung. Ein digitaler Zähler suggeriert, dass von ursprünglich 10.000 kostenlosen Abonnements weniger als 750 verfügbar seien. Die angezeigte Zahl sinkt kontinuierlich und vermittelt den Eindruck, dass Interessenten schnell handeln müssen.

Tatsächlich handelt es sich um eine reine Inszenierung. Der Zähler wird lokal im Browser erzeugt und beginnt nach dem erneuten Laden der Seite wieder von vorn. Besonders raffiniert ist, dass die Website keine Zahlungsinformationen verlangt. Während viele Nutzer bei der Aufforderung zur Eingabe ihrer Kreditkartendaten misstrauisch werden, erscheint ein kostenloses Angebot ohne Zahlungsabwicklung zunächst weniger verdächtig. Genau diese Erwartung nutzen die Angreifer aus. Alle Anmeldewege führen zum gefälschten Google-Login

Das eigentliche Angriffsziel ist das Google-Konto der Besucher

Auf der Phishing-Seite werden scheinbar mehrere Möglichkeiten zur Anmeldung angeboten. Doch die Auswahl ist lediglich Fassade. Wer die Anmeldung über Apple versucht, erhält eine vorgefertigte Fehlermeldung, wonach diese Option vorübergehend nicht verfügbar sei. Auch die Eingabe einer E-Mail-Adresse führt nicht zum erwarteten Ergebnis. Stattdessen verwirft die Website die Angaben und leitet automatisch zur Google-Anmeldung weiter.

Damit bleibt unabhängig von der ursprünglich gewählten Methode nur ein Weg: die vermeintliche Anmeldung über Google. Die Angreifer lenken ihre Opfer gezielt in einen manipulierten Authentifizierungsprozess. Anstatt auf eine echte Google-Anmeldeseite zu gelangen, landen die Nutzer in einer professionell nachgebildeten Login-Umgebung.

Browser-in-the-Browser: Wenn selbst die Adressleiste täuscht

Technisch basiert der Angriff auf der sogenannten Browser-in-the-Browser-Methode (BitB). Dabei wird innerhalb einer geöffneten Website ein zusätzliches Browserfenster simuliert, das wie ein eigenständiges Anmeldefenster aussieht.

Ein Klick auf den Google-Button öffnet deshalb kein echtes Browserfenster. Die Phishing-Seite stellt lediglich dessen Benutzeroberfläche innerhalb des bestehenden Tabs dar. Die Nachbildung ist detailliert gestaltet. Sie enthält eine korrekt geschriebene Google-Adresse, ein Schloss-Symbol und eine vertraut wirkende Anmeldemaske. Das Fenster lässt sich sogar mit der Maus verschieben.

Für Nutzer entsteht dadurch der Eindruck, sie befänden sich in einem legitimen Google-Authentifizierungsprozess. Tatsächlich gehören sämtliche sichtbaren Elemente zur manipulierten Website. Auch die vermeintliche Adressleiste ist lediglich eine grafische Nachbildung und liefert keinerlei Aussage über die tatsächliche Verbindung.

Bevor die gefälschte Anmeldemaske das Passwort abfragt, erscheint zusätzlich eine Aufforderung zur Bestätigung, dass sich ein Mensch vor dem Bildschirm befindet. Diese vorgeschaltete Prüfung kann das Vertrauen der Besucher stärken und gleichzeitig dazu beitragen, automatisierte Sicherheitsscanner von der eigentlichen Phishing-Funktion fernzuhalten.

Die Browser-in-the-Browser-Technik ist keineswegs neu. Bereits seit 2022 dokumentieren Sicherheitsforscher entsprechende Angriffe. Im Juni 2026 berichtete Unit 42 über eine Kampagne, bei der verschiebbare, gefälschte Browserfenster eingesetzt wurden, um Microsoft-365-Nutzer anzugreifen. Die aktuelle Claude-Kampagne zeigt jedoch, wie wirkungsvoll sich diese Methode mit dem Interesse an populären KI-Anwendungen kombinieren lässt.

Phishing als Baukastensystem: Professionelle Werkzeuge erleichtern Angriffe

Ein besonders bemerkenswerter Aspekt der Malwarebytes-Analyse ist der geringe technische Aufwand, den die Angreifer für die Umsetzung betreiben mussten. Das manipulierte Google-Anmeldefenster wurde offenbar nicht eigens für diese Kampagne entwickelt. Stattdessen stammt es von einem externen Dienst, der entsprechende Komponenten als wiederverwendbare Bausteine inklusive Installationsanleitung bereitstellt.

Die Integration erfolgt über eine einzige Codezeile.

Auch die Analyse des Quellcodes liefert Hinweise auf den professionellen Charakter des Werkzeugs. Die Kommentare sind auf Russisch verfasst und bezeichnen die Zielperson ausdrücklich als „Opfer“. Zudem zeigen technische Anpassungen, dass die Entwickler an Details der Darstellung arbeiten, um die Glaubwürdigkeit der gefälschten Fenster weiter zu verbessern.

So wurde beispielsweise ein Darstellungsfehler korrigiert, bei dem simulierte Browserfenster im dunklen Modus während des Ladevorgangs kurz weiß aufleuchteten.

Malwarebytes geht deshalb davon aus, dass es sich um ein kontinuierlich gepflegtes Werkzeug handelt, das sich für unterschiedliche Phishing-Kampagnen wiederverwenden lässt.

Für die Bedrohungslage ist diese Entwicklung relevant. Angreifer müssen komplexe Täuschungsmechanismen nicht mehr zwangsläufig selbst programmieren. Fertige Komponenten senken die technischen Einstiegshürden und ermöglichen es, überzeugende Phishing-Seiten mit vergleichsweise geringem Aufwand aufzubauen. Damit professionalisiert sich nicht nur die technische Umsetzung, sondern auch die Skalierbarkeit entsprechender Angriffe.

Warum ein gestohlenes Google-Konto besonders wertvoll ist

Der mögliche Schaden reicht erheblich weiter als die Übernahme eines einzelnen KI-Abonnements. Wer Zugriff auf ein Google-Konto erhält, kann unter Umständen auf E-Mails, Dokumente und weitere verknüpfte Dienste zugreifen. Besonders kritisch sind Nachrichten zum Zurücksetzen von Passwörtern, da sie Angreifern die Übernahme zusätzlicher Konten erleichtern können.

Auch der Claude-Zugang selbst kann betroffen sein. Wer sich bei Anthropic über Google authentifiziert, könnte den Angreifern damit einen weiteren Zugang eröffnen. Kostenpflichtige KI-Konten besitzen mittlerweile einen eigenständigen wirtschaftlichen Wert. Ihre Nutzungskontingente lassen sich missbrauchen, ohne dass die Täter selbst für entsprechende Abonnements bezahlen müssen.

Malwarebytes hat bereits dokumentiert, wie Infostealer kompromittierte Claude-Konten übernehmen und die bezahlten Kontingente der eigentlichen Nutzer ausnutzen. Die Kampagne steht zudem für eine breitere Entwicklung. Microsoft berichtete im Juni 2026 über eine zunehmende Zahl von Phishing-, Malvertising- und Suchmaschinenkampagnen, bei denen sich Cyberkriminelle als bekannte KI-Anbieter ausgeben.

Neben Claude werden dabei auch die Marken ChatGPT, DeepSeek und Copilot missbraucht.

Der gemeinsame Nenner: Angreifer nutzen die Bekanntheit und Attraktivität etablierter KI-Dienste, um ihre Opfer auf manipulierte Websites zu locken, Schadsoftware zu verbreiten oder Zugangsdaten zu stehlen.

Warum das Schloss-Symbol keine Sicherheit garantiert

Eine zentrale Schwachstelle, die die Browser-in-the-Browser-Methode ausnutzt, liegt in der Wahrnehmung der Nutzer. Seit Jahren gehört der Hinweis, vor der Eingabe sensibler Informationen auf die Webadresse und das Schloss-Symbol zu achten, zu den grundlegenden Empfehlungen der Security Awareness.

Genau diese Gewohnheit machen sich die Angreifer zunutze.

Sie platzieren eine täuschend echte Adressleiste innerhalb ihrer Phishing-Seite. Wer lediglich das simulierte Anmeldefenster überprüft, sieht eine scheinbar korrekte Google-Adresse. Entscheidend ist jedoch ausschließlich die tatsächliche Adressleiste des Browsers am oberen Bildschirmrand. Während des gesamten Angriffs zeigt sie weiterhin die Domain der betrügerischen Website.

Ein einfacher Test kann helfen, die Täuschung zu erkennen: Lässt sich das vermeintliche Anmeldefenster nicht über die Begrenzung der Webseite hinaus verschieben, handelt es sich um eine innerhalb der Seite erzeugte Nachbildung.

Auch Passwort-Manager bieten eine wichtige zusätzliche Schutzebene. Sie orientieren sich bei der automatischen Eingabe gespeicherter Zugangsdaten an der tatsächlichen Webadresse und nicht an einer grafisch dargestellten Adressleiste.

Ein Passwort-Manager sollte deshalb auf einer fremden Phishing-Domain keine für Google gespeicherten Zugangsdaten automatisch einfügen. Das ist ein wesentlicher Vorteil gegenüber einer ausschließlich visuellen Überprüfung.

Wie sich Nutzer vor gefälschten KI-Angeboten schützen können

Die aktuelle Kampagne verdeutlicht, dass überzeugende Phishing-Angriffe nicht zwangsläufig durch auffällige Rechtschreibfehler, unseriöse Gestaltung oder verdächtige Zahlungsaufforderungen erkennbar sind. Im Gegenteil: Die Angreifer kombinieren bekannte Marken, realistische Benutzeroberflächen und psychologische Manipulation zu einem glaubwürdigen Gesamtbild.

Wer ein kostenloses Premium-Abonnement angeboten bekommt, sollte die Aktion deshalb direkt auf der offiziellen Website des jeweiligen Anbieters überprüfen. Der Aufruf über ein gespeichertes Lesezeichen oder die selbst eingegebene Webadresse ist sicherer als das Folgen unbekannter Werbe- oder Nachrichtenlinks. Künstliche Countdowns und angeblich begrenzte Restkontingente sollten grundsätzlich kritisch betrachtet werden. Sie erzeugen Handlungsdruck, sagen aber nichts über die Seriosität eines Angebots aus.

Ebenso ist Vorsicht angebracht, wenn mehrere Anmeldemethoden angeboten werden, letztlich aber nur eine davon funktioniert. Wer seine Google-Zugangsdaten bereits auf einer verdächtigen Website eingegeben hat, sollte umgehend das Passwort über die offizielle Google-Seite ändern, aktive Sitzungen überprüfen und unbekannte Geräte sowie verbundene Anwendungen kontrollieren. Zusätzlich empfiehlt sich die Prüfung der eingerichteten Multi-Faktor-Authentifizierung. Wichtig ist außerdem, die möglicherweise betroffenen weiteren Konten zu berücksichtigen. Das bloße Schließen des Browser-Tabs macht bereits übermittelte Zugangsdaten nicht wieder sicher.

Fazit: Vertrauen in digitale Oberflächen reicht nicht mehr aus

Die gefälschte Claude-Max-Aktion steht beispielhaft für eine Entwicklung, die Unternehmen und private Nutzer gleichermaßen betrifft. Cyberkriminelle greifen aktuelle Technologietrends auf und kombinieren sie mit professionellen, wiederverwendbaren Angriffswerkzeugen.

Die technische Glaubwürdigkeit solcher Kampagnen nimmt zu, während die sichtbaren Unterschiede zwischen echten und manipulierten Anmeldeprozessen immer geringer werden.

Für Unternehmen bedeutet das, dass klassische Security-Awareness-Maßnahmen allein nicht ausreichen. Schulungen müssen aktuelle Angriffstechniken wie Browser-in-the-Browser berücksichtigen und durch technische Schutzmaßnahmen ergänzt werden.

Dazu gehören Passwort-Manager, konsequente Zugriffskontrollen und insbesondere phishingresistente Authentifizierungsverfahren wie FIDO2 beziehungsweise Passkeys.

Denn die entscheidende Sicherheitsfrage lautet längst nicht mehr nur, ob eine Anmeldeseite vertrauenswürdig aussieht. Entscheidend ist, ob ihre tatsächliche Herkunft und die Legitimität des Authentifizierungsprozesses zuverlässig überprüft werden können.